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HauptAutorin: Lena Zeise

Schreibschriften sind für uns etwas Alltägliches, die im digitalen Zeitalter besonders persönlich wirken. Tatsächlich gehören die Schreib- oder Kursivschriften schon seit Jahrtausenden zu unserer menschlichen Zivilisation. Lena Zeise führt in «Schreibschriften. Eine illustrierte Kulturgeschichte» durch die europäische Schriftgeschichte, stellt historische und politische Sachverhalte zum handschriftlichen Schreiben dar und greift aktuelle Diskussionen zum Thema Handschrift auf. Die liebevollen Illustrationen und der Halbleineneinband machen das Buch zu einem besonderen Schatz!

Im Interview mit uns erzählt sie, in welchen Situationen sie von Hand schreibt, weshalb ein Poesiealbum der Auslöser für dieses Buch war – und wie sie die Zukunft der Schreibschriften einschätzt.

Sie haben vor kurzem eine Kulturgeschichte über die Schreibschriften veröffentlicht. Was meint «Schreibschrift» genau?
Eine Schreib- oder Kursivschrift ist eine flüssige, handgeschriebene Schrift, die zügig und mit wenigen Unterbrechungen geschrieben wird, daher wird diese Schreibweise gerne als «laufend» bezeichnet. Grundsätzlich fällt sie in die Kategorie der Gebrauchsschriften, in Abgrenzung zu Buch- und Urkundenschriften aus früheren Zeiten, die ebenfalls mit der Hand geschrieben wurden. Das schnelle, unkomplizierte Niederschreiben von Informationen stand im Vordergrund und beeinflusste ihre Form. Die verbindenden Merkmale einer Schreibschrift sind der Rhythmus, das Streben nach Verbindungen, die schmaleren Buchstabenproportionen, der Neigungsgrad und allen voran die Dynamik.

Woher kommt Ihr Interesse an der Schreibschrift? Wie ist die Idee zum Buch entstanden?
Bereits vor etlichen Jahren fand ich ein wunderschönes, kleines Poesiealbum auf einem Trödelmarkt. Es enthält absolut fantastische Handschriften vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch obwohl die Einträge in Deutsch geschrieben sind, konnte ich sie nicht lesen. Das war meine erste Begegnung mit der deutschen Schreibschrift, von der ich bis dato noch nie gehört hatte. Diese Begebenheit begleitete mich auch in meinem Designstudium in dem ich mich näher mit Schriften allgemein und Schreibschriften im Besonderen beschäftigte. Das gab den Anstoß zu diesem Buch.

Was hat Sie bei der Recherche für das Buch besonders überrascht?
Wir stellen heute bei Schreibschriften oft den ästhetischen Anspruch in den Vordergrund. Ich bin selber keine Ausnahme und bewundere eine schöne Schreibschrift. Entstanden sind sie aber aus Zweckmäßigkeit und als Werkzeug, das selbst die Römer schon zu schätzen wussten. Erst meine Recherchen haben mir diese Tatsache noch einmal vor Augen geführt.

Schreiben Sie oft von Hand? In welchen Situationen?
Im Alltag schreibe ich nach wie vor eine Menge Sachen von Hand. Es sind sehr viele Kleinigkeiten dabei, zum Beispiel Einkaufszettel, Erinnerungen und To-Do-Listen. Außerdem führe ich einen analogen Kalender und ein ergänzendes Notizbuch, weil ich es einfacher finde handschriftlich etwas zu organisieren und zu sortieren oder wenn nötig auch umzustrukturieren. Wenn ich Skizzen für Illustrationen anfertige, notiere ich mir wichtige Aspekte an den Rand, zum Beispiel zu Lichtverhältnissen, Farbkonzepte oder Kurzbeschreibungen weiterer Details, die später hinzukommen.
Meine alljährliche Weihnachtspost beinhaltet immer auch einen kurzen handgeschriebenen Text, weil mir der persönliche Aspekt wichtig ist.
Für dieses Buch habe ich den Inhalt jedes Kapitels per Hand in Stichpunkten zusammengefasst und strukturiert, sodass ich mich daran entlang arbeiten konnte. Grundsätzlich arbeite ich mit meiner eigenen Schrift auf einem Blatt Papier freier als am Computer.

Im Buch stellen Sie auch verschiedene Schreibwerkzeuge vor. Mit was schreiben Sie persönlich am liebsten – und weshalb?
Kurze Notizen schreibe ich viel mit Kugelschreiber oder Bleistift, je nachdem was ich gerade zur Hand habe. Wenn ich längere Texte schreibe, nehme ich den Füller meiner Urgroßmutter, den meine Mutter mir vor einigen Jahren gegeben hat. Es ist ein alter Kolbenfüller von Pelikan mit dem meine Urgroßmutter jedes Wochenende Briefe schrieb. Abgesehen von seiner Geschichte liegt er wirklich gut in der Hand und schreibt nach wie vor einwandfrei.

Sie sind als freie Illustratorin tätig. Bauen Sie in Ihrer Arbeit auch Schriften ein?
Früher habe ich kaum Schriften in meine Illustrationen integriert, heute mache ich das deutlich häufiger, wobei es immer auf das Thema ankommt. Allerdings betreibe ich nicht direkt Lettering, sondern versehe eher Gegenstände in Szenerien mit Aufschriften oder –drucken.
Natürlich haben Illustrationen im Normalfall einen Textbezug und ich liebe es, Illustrationen und Text gemeinsam zu gestalten und in ein Layout zu bringen.

An was arbeiten Sie gerade?
Aktuell arbeite ich an zwei weiteren Sachbüchern mit zwei sehr unterschiedlichen Themen, beide für etwas ältere Kinder. Hier übernehme ich ebenfalls das Schreiben der Texte und die Erstellung der Illustrationen gemeinsam, natürlich mit tatkräftiger Unterstützung meiner Lektoren. Eines der Bücher wird dieses Jahr im Herbst erscheinen, das andere dann im nächsten. Mehr darf ich leider aktuell noch nicht verraten.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Denken Sie, dass es auch in 50 Jahren noch Schreibschriften geben wird?
Ja, da bin ich zuversichtlich! Das handschriftliche Schreiben ist nicht nur ein motorisches, sondern auch ein Gedächtnistraining, was definitiv für das Erlernen einer zügig zu schreibenden Handschrift spricht. Die Schreibschriften haben wiederum den Vorteil des schnelleren Schreibens und wir Menschen neigen automatisch dazu, zumindest einzelne Buchstaben zu verbinden. Zudem erfährt das Schreiben per Hand von vielen Menschen – egal, ob jung oder alt – wieder eine erhöhte Wertschätzung, wovon auch der Lettering-Trend zeugt. Kursive Schriften haben sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt und ihr Einfluss auf Schrift- und Buchstabenformen ist bis heute sichtbar. Dadurch werden sie immer ein Teil unserer Schriftkultur bleiben.


Lena Zeise studierte an der Fachhochschule Münster Design und arbeitet heute in Münster als selbständige Designerin und Illustratorin.
lena-zeise.de

 

 

 

Alle Bilder: © Lena Zeise

 Buchcover