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Tomatengeschichten – «Purple Calabash»

In unregelmäßigen Abständen erzählen Ute und Martin Tomatengeschichten der besonderen Art. Heute wandeln Sie auf den Spuren der Präsidententomate «Purple Calabash». 

Tomatensorten haben immer einen Namen. In manchen Fällen verbirgt sich hinter diesem Namen eine interessante Geschichte.

© Martin Studer

Die Präsidententomate «Purple Calabash»

Die Purpurkalebasse Purple Calabash hat es zu höchsten präsidialen Würden gebracht – und das zu Recht.  Das muss man aber der Reihe nach erzählen.

© Martin Studer

ProSpecieRara, die Schweizer Organisation für alte, echte Sorten, datiert die Herkunft der Purple Calabash auf das frühe 16. Jahrhundert – just also die Zeit von Kolumbus, dem Amerikaeroberer und Tomatenbringer. Und tatsächlich soll es sich bei dieser großen, fleischigen Tomate um ein uralt-mexikanisches Original handeln, eine echte Aztekenfrucht. Von der Purpurkalebasse sprach auch ein spanischer Mönch, der eine Sauce beschrieb, die die Indios aus Tomaten herstellten, die er als purpurne Kalabasse bezeichnete. Ob da der Gottesmann einem botanischen Irrtum unterlag oder sich nur fantasievoller Namensgebung bemühte? Südamerikanische Flaschenkürbisse, die echten Kalebassen, sind zunächst grün oder gelb, werden dann aber im getrockneten Zustand gerne als Behälter und sogar Resonanzkörper für Saiteninstrumente verwendet. Dazu werden sie nicht nur mit schönsten Einritzungen verziert, sondern auch geflämmt, wodurch sie eine dunkle, rotbraune Färbung erhalten, die tatsächlich der Farbe der Purple Calabash-Tomate ähnelt.

© Martin Studer

Mehr über die Herkunft dieser Tomate weiß man nicht. Aber Ende des 18. Jahrhunderts taucht sie in einem Garten in Virginia in den soeben gegründeten USA auf, und zwar im Anwesen Monticello. Dieser Garten gehörte Thomas Jefferson, Gründervater der USA und deren dritter Präsident. Jeffersen war ausgesprochener Gemüseliebhaber. Seinem aufgeklärten Geist entsprach es, auch außergewöhnliche Pflanzen anzubauen, und das war die Tomate damals noch, galt sie doch allgemein als giftig und daher ungenießbar. Jefferson, Tomatenpionier der ersten Stunde, war Freund der guten Küche und Verehrer der französischen Gastronomie, deren Finessen er bei einer Frankreichreise kostete. Er machte, wie es US-Präsidenten auch heutzutage noch lieben, einen  sogenannten «deal»: Er versprach seinem Sklaven James Hemming, dessen kulinarisches Talent er entdeckt hatte, die Freiheit, wenn er im Gegenzug bereit wäre, die französische Kochkunst zu erlernen und nach Amerika zu bringen. So geschah es und neben der Kalabaschtomate kam inskünftig auch die Crème brulée als Dessert zu höchsten – sprich: präsidialen – Ehren.

Literatur: Thomas J. Craughwell: Thomas Jefferson’s Crème brulée – How a Founding Father and His Slave James Heming Introduces French Cuisine to America; Penguin 2012


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