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Imkern als Hobby – Teil 2

Wie war der Winter für unsere Bienen? (Hier gehts zum Teil 1)

Dieses Jahr erlebten wir einen lang anhaltenden Winter, der aber unseren Bienen gut bekommen ist. Es gab jeden Wintermonat 1-2 sonnige Tage, also Gelegenheit für die Bienen, kurz auszufliegen, um ihre Kotblase zu leeren, um sich anschließend wieder in den Wabengassen eng aneinander geschmiegt zu wärmen. Die Februartemperaturen sowie die zunehmende Tageslichtmenge haben ganz starke Bienenvölker bereits dazu animiert, wenig Brut anzulegen.

Ruhephase

Die Bienenwohnungen werden von Dezember bis März nicht mehr geöffnet. Selbst die kleinen Enkelkinder auf dem Bauernhof wissen, dass das Öffnen der Bienenkasten ein «Tabu» ist und halten sich an diese vom Grossvati aufgestellte Regel. Da bei kalten Temperaturen keine Bienen fliegen, fragen die Kinder oft «dürfen wir lauschen, ob die Bienen noch leben?» «Ja klar», ist dann meine Antwort. Mit einem 1m langen und 2cm dicken Plastik-Kabelschutzrohr marschieren sie dann zur Flugfront. Sie stecken dieses Plastikrohr vorsichtig durchs Flugloch unter die Bienentraube und halten es an ihr Ohr. Es ist mucksmäuschenstill, dann folgt ein Kommentar; «Grossvati, das do läbt», «das do esch chlei stärcher» oder «das do esch chlei schwächer» und so weiter. Aber jedes Volk ist ein Erlebnis, wenn‘s summt und brummt.

Am 1. April fiel ein letztes Mal Schnee. In den darauffolgenden Tagen stiegen die Temperaturen von Tag zu Tag. Die erste Kontrolle zum Start in den Frühling ist jeweils mit viel Spannung verbunden. Lebt die Königin? Brütet das Volk? Wie gross ist ihr Brutumfang? Wie steht es mit dem Futter? Wird der Kastenboden von Gemüll gereinigt? usw. Bilanz: Alle 22 Bienenvölker haben den Winter gut überstanden.

Auf dem Nachbarhof hat es altershalber einen Imkerwechsel gegeben. Ein junger Imker, gut motiviert und mit vielen Fragen, hat übernommen. In einem seiner Völker hat die Königin nicht überlebt. Gerne habe ich ihm mit einer meiner Reserve-Königinnen ausgeholfen. Als Willkommensgruss an den neuen Imker war die Königin selbstverständlich ein Geschenk.

Frühlingserwachen

Unübersehbar an Wald- und Heckenrändern erscheinen jeweils als erstes die Blüten des schneeweiss blühenden Schwarzdorns. Und an feuchten Standorten in wunderschönem Gelb die Dotterblumen. Da schlägt das Imkerherz ein paar Pulsschläge höher.

An der Flugfront des Bienenhauses kann emsiges Ausfliegen beobachtet werden. Die Farbenvielfalt des heimgetragenen Pollens zeigt, dass draußen die Natur in all ihren Facetten erwacht ist.

Blütenstaub wird von den Bienen gesammelt und als Pollenhöschen zum Bienenstock getragen. Um 1 Pollenhöschen von 5 mg zu sammeln, besucht eine Biene ca. 80 Blüten! Es ist das Eiweissfutter für die heranwachsenden Bienenlarven.

Im Bienenstock herrscht nun Hochbetrieb. Die Königin kommt in Hochform und legt bis zu 2000 Eier pro Tag. 3 Wochen später schlüpft also täglich eine grosse Anzahl Jungbienen und lässt so ein Bienenvolk rasch anwachsen. Gut für das Bienenvolk, unsere Natur und das Bestäuben der Pflanzen.

Baustoff Wachs

Ist der Imker nicht rechtzeitig mit dem Erweitern der Bienenwohnung vor Ort, übernehmen die Bienen gleich selbst das Zepter. Ab der 2. Lebenswoche sind Jungbienen fähig, Wachs zu schwitzen. Jeder zur Verfügung stehende Raum wird dazu genutzt, Waben zu bauen. Je stärker dieses Bauverhalten wächst, umso attraktiver sind Blumenwiesen und Pflanzen für Bienen. Man kann sagen: «Es honigt».

Der Honigraum wird freigegeben. Ob mit oder ohne Absperrgitter hängt vom Kastensystem ab. Allenfalls bebrütete Honigwaben können bei der Honiggewinnung nicht geschleudert werden. Das ärgert mich nicht. Diese Waben hänge ich mit ihren ansitzenden Bienen in einen Jungvolkkasten. Sofort ziehen die Bienen Weiselzellen (Königinnenzellen) an. 4 Wochen später freue ich mich über junge, standbegattete Königinnen.

2 Bienenhäuser, 2 Standorte

 

Der Höhenunterschied der beiden Bienenhäuser macht sich bemerkbar in der Entwicklungsphase der Bienenvölker. Sie entspricht einer Differenz von ca.14 Tagen. Beim höher gelegenen Standort (Wellsberg) herrscht die Graswirtschaft vor. Beim tiefer gelegenen (Buttenberg) gibt es auch Ackerkulturen in der Fruchtfolge. So unter anderem die Nutzpflanze Raps.

Unterschiedliche Blütenhonige

Da ich mit meinen Bienen standortgebunden imkere, gibt es zwei verschiedene Blütenhonige, die eingetragen werden. Im reinen Graswirtschaftsumfeld blühen von April bis Mai der Löwenzahn und die Hochstammbäume Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen u.a. Der eingetragene Honig, mehrheitlich von Löwenzahn stammend, ist leuchtend gelb und hat ein sehr feines Aroma. Dieser Blütenhonig frisch geschleudert, abgefüllt, gelagert in der Tiefkühltruhe, bleibt in seiner Konsistenz über ein halbes Jahr wie frisch von der Honigschleuder, ohne zu kristallisieren.

Am Standort mit Ackerkulturen blüht zusätzlich noch die Ölfrucht Raps. Bei den heutigen neuen Rapszüchtungen kann man den früher bekannten kohlartigen Geschmack im Honig nicht mehr wahrnehmen. Farblich ist der von Raps geprägte Honig weisslich-gelb. Er kristallisiert sehr schnell. Viele Kunden lieben einen hart kristallisierten Honig nicht, deshalb unterbreche ich diese Kristallisation mit intervallmässigem Rühren während ca. einer Woche. Das ergibt einen wunderbar weichen, sämigen, streichbaren Honig.

Honig schleudern

Ende  Mai wird es soweit sein. Der bis zu 70% feucht eigetragene Nektar wird vorerst von den Bienen im Stock eingelagert, umgelagert, eingedickt, bis ein Wassergehalt von ca. 15-18.5% erreicht ist. Vom Imker wahrgenommen in Form von Wachs-gedeckelten Honigwaben. Honigwaben sollen mindestens zu ¾ verdeckelt sein. Somit hat der Imker Gewähr, dass der Honig reif und haltbar ist. Unreif geschleuderter Honig würde schnell sauer und ungenießbar.

Volkswachstum

Der Bienenschwarm

Volksteilung als natürliche Volksvermehrung: Es ist die alte Königin, die ihrer jungen Nachfolgerin Platz macht. Sie verlässt den Bienenstock mit ungefähr einem Drittel der Bienen (Arbeiterinnen), um sich als Bienenschwarm an einem der nächstgelegenen Bäume zu einer Bienentraube zu vereinen. Viele Jungimker erfreuen sich an einem der vielen Schwärme im Monat Mai.

Eine Königin und ca. 15‘000 Arbeiterinnen. Ein Bienenschwarm eignet sich hervorragend, um eine Königinnenzucht einzuleiten. Nur muss die Königin für 24 Stunden entnommen werden, oder anderweitig verwendet werden, z.B. in einem Weisellosen Volk.

Es bedeutet nicht nur für das Bienenvolk ein Neuanfang, auch für viele Jungimker ist das die Gelegenheit mit einem Bienenvolk in ihre praktische, imkerliche Tätigkeit einzusteigen. Selbstverständlich mit begleitender theoretischer Ausbildung. Im alten Buch «Der schweizerische Bienenvater» steht: «Lerne die Theorie, sonst bleibst du ein Leben lang ein praktischer Stümper». Diesen Satz kann ich nur unterstreichen. Selber habe ich während zwanzig Jahren Jungimker ausgebildet und konnte in dieser Zeit genau feststellen: nur wer die theoretischen Zusammenhänge erkennt, machte die Schritte zu einem versierten, verantwortungsvollen Imker. Wer die Gelegenheit hat, gleichzeitig einem erfahrenen Imker (Imkergötti/-gotte) über die Schulter zu gucken, sollte dies unbedingt machen!

Jungvolkbildung

Was damit bezweckt wird: Schwarmverhinderung, -vermehrung, Verjüngung der Wirtschaftsvölker, Ausfälle kompensieren, Varroapopulation unterbrechen usw. Es  gibt viele Formen von Jungvolkbildung: Völkerteilung, Brutableger, Zellenableger, Sammelbrutableger, Königinnenableger, Kunstschwarmverfahren etc. Die Entscheidung liegt beim Imker und seinen Vorlieben. Die Jungvolkbildung sollte 30-50% der Standvölker betragen.

Bei dieser Gelegenheit werden alle im Wabenschrank eingelagerten Futterwaben aufgebraucht und den Jungvölkern als Futterreserve mitgegeben. Ein im Juni aufgeräumter, leerer Wabenschrank braucht keine Wachsmottenbekämpfung.

Faszination Zucht

Der fortgeschrittene Imker/die fortgeschrittene Imkerin wird sich im Monat Mai zusätzlich der Königinnenzucht widmen. Grundkenntnisse der Königinnenzucht, genaues Einhalten der Daten, ein gutes Augenlicht (Sehschärfe) und eine ruhige Hand sind wichtige Voraussetzungen für das Zuchthandwerk.

Für viele ist das jedes Jahr eine besondere Herausforderung, da diese Arbeit nur einmal im Jahr ausgeübt wird und somit nicht zu den immer wiederkehrenden Arbeiten gehört. Unsere Enkelkinder auf dem Bauernhof lieben diese abwechslungsreichen, interessanten Vorgänge und wollen gerne gleich selber Hand anlegen.

Enkelin Nadja beim Umlarven

Das Juni-Loch

… auch «grüne Wüste« genannt. Auch englische Rasen gleichen einer grünen Wüste in Bezug auf ihre Pflanzenvielfalt. Auf Wiesen und Feldern ist anfangs Juni das große Frühlingsblühen vorbei. Die Wiesen präsentieren sich in Grün. Der Blütennektar versiegt mit dem Verblühen der großen Blütenpracht. Die Massentracht ist abgeklungen. Ein Teil des Blütenhonigs darf entnommen werden. Der Rest wird dem Bienenvolk als Reserve belassen für schmalere Nektarzeiten. Nur der geizige Imker  würde einem Bienenvolk all seine gesammelten Vorräte zur Honiggewinnung entnehmen.

Bienen und andere Bestäubungsinsekten finden in ihrem Lebensraum «scheinbar» keine Nahrung mehr. Stimmt das? Nein, das stimmt so nicht. Das Nektarangebot findet sich anderweitig. Weißklee blüht in großen Mengen, man beachtet ihn nur nicht, da er bloß handhoch in Weiden und Feldern anzutreffen ist.

© Roland Spohn

Laubbäume füllen die Lücke einer kleinen Durststrecke. Es sind Akazien mit ihren überschwänglich großen Blütenzotten, Linden mit ihrem wohlriechenden Duft, aber auch Ahorn, Eichen, Eschen und andere Laubbäume. Wer das noch nie beobachtet hat, parkt sinnigerweise an einem schönen Tag im Juni oder Juli sein Auto in den Schatten einer Linde. Feinste, feuchte Tröpfchen (Honigtau) finden sich nach ein paar Stunden auf den blitzblank geputzten Fensterscheiben des Autos.

Die Linde ist interessant und attraktiv zugleich für unsere Bienen sowie die gesamte Insektenwelt. Sie spendet nicht nur Blütennektar, sondern gleichzeitig auch Honigtau. Der Honigtau stammt von einer Blattlauspopulation am Blattwerk des Baumes.

Bienengesundheit fängt beim Pollenangebot an

Ein starkes Bienenvolk verbraucht für sich selbst über 30 kg Pollen pro Jahr. Wünschenswert hierfür ist ein vielfältiges Pflanzenangebot, ja es ist sogar das A und O für die Gesunderhaltung unserer Bienen und vieler anderen Insekten.

Aber auch wir Menschen profitieren von diesem Sammeleifer. ¾ der Kulturpflanzen werden beim Pollensammeln durch Insekten bestäubt bzw. befruchtet. Bienen leisten mit ihrem schnellen Entwicklungspotential im Frühling eine immense Befruchtungsarbeit. Viele sind sich dessen nicht bewusst. Genug Nahrungsmittel zu haben ist selbstverständlich geworden. Schließlich gehen (meistens fahren) wir einfach zum nächsten Laden oder Supermarkt und decken uns da ein, ohne darüber nachzudenken, woher unsere Lebensmittel kommen.

Aus dem fahrenden Auto sehen wir unsere Natur nicht wirklich

Unlängst habe ich ein Holztäfelchen an einem Biotop gesehen, das besagt: «Alle wollen zurück zur Natur, aber niemand zu Fuss». Wer nur mit dem Autor unterwegs ist, kann die Natur nicht mit allen Sinnen wahrnehmen: Wie es riecht, was für eine Farbenpracht sich entfaltet, was wir alles hören können.

Wer zu Fuss unterwegs ist, sich eine Wanderung gönnt, wird unsere Natur und die Bewirtschaftung der Felder im Gesamtzusammenhang wahrnehmen können. An vielen Getreidefeldern sehen wir da und dort nicht nur Sonnen- und Mohnblumen blühen, sondern auch wie Bienen überall fleissig Beikräuter (Unkräuter) besuchen, wie Ehrenpreis, Kamille, Taubnessel, Vergissmeinnicht, Vogelmiere, Ackerwinde, Knöterich, Hirtentäschchen, usw. Wir können sehen, wie entlang von Hecken und Wäldern Randstreifen, Krautsäume gepflegt werden, die unseren Kleinstlebewesen ihren Lebensraum gewähren. Es sind geschaffene Pufferzonen zwischen naturnah und stark genutzten Wiesen. Landwirte sind verpflichtet, Ökowiesen anzulegen, zu pflegen und gestaffelt zu mähen, naturnahe Elemente zu fördern, Ast-und Steinhaufen zu bilden und abgestorbene Bäume nicht zu fällen.

Das ökologische Gesamtgefüge geht uns alle an. Eine intakte Umwelt kann eine Lebenseinstellung sein. Wir können selber aktiv werden, zielgerichtet handeln ohne Erwartungshaltung an Nachbarn oder die öffentliche Hand, indem wir

– die Pflanzenvielfalt fördern und

– Bestäubungsinsekten Lebensraum geben

Um den Bienenstand Wellsberg entsteht gerade jetzt (Aussaat im Juni) in der frühsommerlichen Zeit eine kleine Wildblumenwiese von 1200 Quadratmetern. Benannt mit «UFA-Wildstaudenbeet CH-G». Über 50 Wildblumenarten und Wildgräser sollen da keimen. Das wird spannend!

Wir alle können etwas zu einer artenreichen Naturwiese, sprich Pflanzenvielfalt, beitragen. Selber Blumensamen ausstreuen, auf Balkon, Terrasse oder einem kleinen Stück im englischen Rasen eine Blüteninsel entstehen lassen, Wildblumen aussäen in Siedlungsgebieten, an Hausrändern, an Mauern, an Strassenrändern, Strasseninseln oder im Garten. Da und dort eine Alternative zu Steingärten oder kahler Einöde schaffen. Bienen, Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge und Insekten aller Art werden es uns danken. Blumensamenmischungen sind von ein- bis mehrjährig für verschiedenste Bodenansprüche erhältlich. Aussaaten sind während der ganzen Vegetationsperiode möglich. Man beachte die Aussaattermine der jeweiligen Samenmischungen.

Ich wünsche dazu die nötige Motivation, Erfolg bei der Aussaat und vor allem viel, viel Freude an eigenen Farbtupfern in Ihrer Umgebung.

Alles Fotos © Vinzenz Meyer

BienenSchweiz organisiert dieses Jahr den 90. Imkerkongress für alle Interessierten. Mehr Informationen dazu gibt es hier.


Etwa alle drei Monate wird Vinzenz Meyer, Hobby-Imker, hier Interessantes und Wissenswertes über die Biene und die Imkerei schreiben. Teil 1 erschien am 13. März 2018.


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