Sie sind hier: / Magazin / Natur


Geologische Wanderung – Versteinerte Erdgeschichte in Schaffhausen

Die Schweiz ist ein geologisches Wunderland. Glänzende Kristalle, bunte Mineralien und vielfältige Gesteine zeugen von der ereignisreichen Erdgeschichte unseres Landes. Mit den Autoren des Buchs «Geologische Wanderungen» Jürg Alean und Paul Felber  gehen wir dem Wanderland Schweiz – buchstäblich – auf den Grund.

Versteinerte Erdgeschichte im Kanton Schaffhausen

Ein prächtiger, rund 20 cm großer Ammonit kam auf dem Oberhallauerbärg beim Pflügen zum Vorschein; im Hintergrund sieht man den Randen mit dem charakteristischen Steilabhang auf der Nordseite (links). © Jürg Alean

Die Schweiz ist ein steinreiches Land – auch dort, wo man das nicht auf den ersten Blick sieht, wie im Kanton Schaffhausen. Zwar bleiben die Gesteine hier, ganz im Norden der Schweiz, meist unter Wiesen, Äckern und Wäldern verborgen. Dennoch werden wir hier Fossilien suchen und mit großer Wahrscheinlichkeit auch finden. Die kurze Wanderung führt von der Siblinger Höhe über den Oberhallauerbärg mit mehreren Fossilfundstellen nach Oberhallau.

Auf dem Höhenrücken des Oberhallauerbärgs werden wir auf Fossiliensuche gehen. Die Wanderung sollte wenn immer möglich im Spätherbst oder Winter stattfinden – warum erklären wir später.

Schematisches Profil durch den westlichen Kanton Schaffhausen bis zum Irchel im Kanton Zürich. Grau: Altkristallin; orange: Trias; hellblau: Früher und Mittlerer Jura; dunkelblau: Später Jura; gelb: Neogen bis Quartär. © Jürg Alean

Ein «aufgestellter Findling»

Von der Bushaltestelle Siblingerhöhe geht es der Straße entlang kurz Richtung Südwesten, dann gleich bei der ersten Abzweigung Richtung Nordwesten bis zu einem nicht allzu großen, aber auffällig senkrecht stehenden Steinblock. Obwohl er mit Flechten überwuchert ist, kann man an verschiedenen Stellen erkennen, dass es sich um rötlichen Verrucano handelt, der in der Ostschweiz ausschließlich zwischen Walensee und Vorderrheintal vorkommt. Er muss also in einer der letzten Eiszeiten auf dem Rücken des Rheingletschers etwa 140 Kilometer weit über das St. Galler Rheintal und die Bodenseeregion zumindest in die Nähe des heutigen Standorts verfrachtet worden sein, bevor ihn Menschen in früherer Zeit wohl als Wegmarkierung senkrecht aufgestellt haben. Nun geht es rund einen Kilometer weit in allgemein westlicher Richtung Rummelen.

Ein Findling aus Glarner Verrucano wurde – wohl vor sehr langer Zeit – als Wegmarkierung auf der Siblingerhöhe senkrecht aufgestellt. Das rötliche Gestein ist mit Flechten überwachsen. © Jürg Alean

Fossilien aus dem Acker

Unseren nächsten Halt haben wir erreicht, wenn eine Stromleitung das Fahrsträßchen überquert. Sollte der Acker nördlich des Sträßchens frisch gepflügt sein und noch keine angebauten Nutzpflanzen sprießen, sollten sich auf der Ackerkrume ohne weiteres lose herumliegende Fossilien finden lassen. Am leichtesten findet man hier Belemniten und Ammoniten, wenn das letzte Pflügen schon einige Zeit vorbei ist, der Regen die herumliegenden Steine bereits etwas abgewaschen hat, aber noch keine Aussaat erfolgt ist oder zumindest keine Nutzpflanzen ausgetrieben haben. Solche Verhältnisse findet man am ehesten im Spätherbst oder Winter vor. In den Acker sollte man aus Rücksicht auf die Landwirtschaft höchstens mit Zurückhaltung treten. Ohnehin gibt es bereits am Rand genug aufzulesen.

Warum sammeln wir ausgerechnet hier Versteinerungen? Zum einen befinden wir uns über besonders fossilreichen Gesteinsschichten aus dem Frühen Jura. Zum anderen hat die Verwitterung für uns Vorarbeit geleistet: Zwar bleibt das Gestein unsichtbar unter dem Ackerboden, verwittert aber im Grenzbereich zum Boden unter der Einwirkung von Feuchtigkeit und Huminsäuren, welche beim Abbau von Pflanzenresten entstehen. Fossile Muschelschalen oder Hartteile von Kopffüssern (Ammoniten und Belemniten) widerstehen der Verwitterung aber länger als Kalkgestein. Dadurch werden sie im besten Fall vollständig aus der sie umgebenden Gesteinsmasse herausgelöst. Beim Pflügen wird immer wieder frisches Material aus der Tiefe des Bodens nach oben befördert. Ein Acker wie dieser kann deshalb auch Fossilien liefern, nachdem er von Sammlern schon einmal abgesucht worden ist. Je nachdem, wo schon gepflügt wurde, mag die Suche auf benachbarten Äckern sinnvoll sein. Auf Höhe Hinterhuebhof wird man am häufigsten auf Belemniten oder zumindest deren Bruchstücke stoßen. Kurze Abschnitte sehen aus wie kleine Rädchen. Mit einer Lupe erkennt man eine hübsche radiale Struktur.

Schmökern im Lesesteinhaufen

Steine auf dem Acker behindern Landwirtschaftsmaschinen. Deshalb lesen die Landwirte die grösseren auf und deponieren sie in sogenannten Lesesteinhaufen. Eine solcher befindet sich etwas versteckt im Gebüsch westlich eines Parkplatzes an der Straße über den Oberhallauerbärg. Ein kurzer Umweg führt uns dorthin. Wie erfolgreich hier die Fossiliensuche ist, hängt davon ab, wie viele Sammler sich seit dem letzten Abladen von Steinen bereits betätigt haben. Manche Kalkblöcke sind so groß, dass ein Hammer zum Zerkleinern nützlich sein kann. Eine Schutzbrille ist wegen herumfliegender Gesteinssplitter wichtig.

Fossilienreicher Arietenkalk und Schichtquelle

Auf dieser Wanderung konnten wir bis jetzt noch nirgends das feste Gestein im Untergrund sehen. Einen sogenannten «Aufschluss», das heißt Zugang zu diesem, finden wir weiter Richtung Oberhallau. Weil die Stelle gut versteckt ist, beschreiben wir sie nachfolgend detailliert. Der Aufschluss befindet sich in einem von zwei Waldstreifen genau südlich der Hügelkuppe «Hammel». Der Standort befindet sich im unteren, südlicheren Wäldchen. Die gesuchte Stelle ist an Fichten erkennbar. Achtung: Im Gehölz ist eine kleine Felswand versteckt, über die man nicht hinabklettern sollte. Deshalb umgeht man den Waldstreifen weglos am südwestlichen Ende und gelangt anschließend bequem von Süden her im Innern des Wäldchens zu einer Quelle. Deren Wasser wird in einen Schacht aus Zementrohr geleitet. In der Nähe befindet sich ein kleiner, windschiefer Holzschuppen. Oberhalb der Quelle erkennt man die nur wenige Meter dicke, dafür aber äußerst fossilreichen Schichten des Arietenkalks, so benannt nach dem für diese Schicht typischen Ammonitengattung Arietes.

Vor dem Weitermarsch lohnt sich die genauere Betrachtung der kleinen Quelle, die selbst nach längeren Trockenperioden noch etwas Wasser liefert. Sie befindet sich genau an der Schichtgrenze zwischen Arietenkalk und darunterliegendem Mergel des Frühesten Juras (Mergel ist eine Mischung von Kalk und Tongestein). Grundwasser kann Kalk entlang von Klüften und Rissen im Gestein verhältnismäßig gut durchdringen. Somit sickert es durch den Arietenkalk abwärts bis es auf die Mergelschicht stößt. Diese staut das Wasser. Es folgt der Schichtobergrenze entsprechend deren Gefälle. Wo es an die Erdoberfläche gelangt, entsteht eine sogenannte Schichtquelle.

Der wellig geschichtete Arietenkalk ist besonders reich an Fossilien. © Jürg Alean

Aus dem Arietenkalk herausgewitterte Gryphaeen. © Jürg Alean

Die Quelle befindet sich genau an der Grenze zwischen Mergel- (unten) und Arietenkalk-Schichten (oben). © Jürg Alean

Lesesteinhaufen oberhalb Hohfuri. Auf dem grossen Ammoniten im Vordergrund haften mehrere Gryphaeen. Ganz im Hintergrund erkennt man das Randen-Hochplateau. © Jürg Alean

Der weitere Routenverlauf führt an weiteren Lesesteinhaufen vorbei. In den Äckern lassen sich nebst vereinzelten Ammoniten vor allem Gryphaeen finden. Mit Blick auf die für das Klettgau charakteristischen Rebberge geht es schließlich hinunter zum malerischen Dorf Oberhallau mit deren Bushaltestelle «Trottengasse».

Route:

  • Wegstrecke: 6,2 km
  • Höhendifferenz Aufstieg: 60 m
  • Höhendifferenz Abstieg: 190 m
  • Ausgangspunkt: Bushaltestelle Siblingerhöhe (2’679’975, 1’286’220)
  • Endpunkt: Bushaltestelle Oberhallau, Trottengasse (2’678’055, 1’284’250)
  • Zeitbedarf: Reine Marschzeit etwa 1,5 Stunden.
  • Jahreszeit: ganzjährig.

 

Gekürzter Ausschnitt aus dem Buch «Geologische Wanderungen», S. 48-57.


 BuchcoverBuchcover