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Geologische Wanderung: Grottes de Vallorbe

Die Schweiz ist ein geologisches Wunderland. Glänzende Kristalle, bunte Mineralien und vielfältige Gesteine zeugen von der ereignisreichen Erdgeschichte unseres Landes. Mit den Autoren des Buchs «Geologische Wanderung» Jürg Alean und Paul Felber  gehen wir dem Wanderland Schweiz – buchstäblich – auf den Grund.

Hartes Wasser und tropfende Steine: Grottes de Vallorbe

Höhlen ermöglichen einen faszinierenden Einblick ins «Innenleben» eines Gebirges. Schauhöhlen, die touristisch genutzt und ohne besondere Ausrüstung begangen werden können, gibt es in der Schweiz vor allem am Alpennordrand, zum Beispiel die St. Beatus-Höhlen bei Interlaken, oder im Jura die Grottes de Réclère bei Porrentruy oder die hier beschriebenen Grottes de Vallorbe. Letztere zeichnen sich nebst eindrücklichen Tropfstein-Formationen durch einen besonders grossen unterirdischen Flusslauf aus. Ausserdem stehen sie in einem bemerkenswerten Zusammenhang mit dem Lac de Joux.

«Tropfsteine» im Höhlensystem der Grottes de Vallorbe entstanden über viele Jahrtausende hinweg, weil das durch die Höhlendecke eindringende Wasser Kalk ausschied. © Jürg Alean

Unsere kurze Wanderung beginnt beim erhöht gelegenen Bahnhof von Vallorbe. Zunächst geht es abwärts Richtung Südwesten. Beim Friedhof folgen wir kurz der Kantonsstrasse. Dann geht es südwestlich weiter hinunter bis zum Talgrund, wo uns eine Brücke über die Orbe führt.

Späteiszeitliche Ablagerungen

Nun führt der Wanderweg entlang eines großen ebenen Felds. Dahinter erkennt man eine markante Terrasse. Obwohl sie durch ihre einheitliche Höhe geradezu künstlich anmutet, handelt es sich dabei um eine natürliche Ablagerung eiszeitlicher Gletscher. Nach dem Ende der letzten Eiszeit grub sich die Orbe in diese hinein und mäandrierte auf dem Talgrund hin und her, allerdings nur bis zum unteren Rand der Terrasse. Unter dem Feld vor uns liegen also Schotter der Orbe, unter der Terrasse derjenigen der Eiszeitgletscher.

Von diesem Standort aus haben wir eine gute Sicht auf die Dent du Vaulion. Der Weg folgt nun einem ziemlich naturbelassenen Abschnitt der Orbe und führt streckenweise durch wunderschönen Auenwald. Der Fluss mäandriert hier frei hin und her, also ganz anders als bei Grand Morcel (siehe unten). Sollte der Wanderweg bei einem der eher seltenen Hochwasser überflutet sein, kann man südlich über ein Sträßchen ausweichen. Schließlich kommen wir am Elektrizitätswerk vorbei, welches mit Wasser aus dem 243 Höhenmeter höher gelegenen Lac de Brenet betrieben wird.

Hinter dem ebenen Feld am Südufer der Orbe erkennt man eine ausgeprägte Terrasse und links oben die Dent du Vaulion (1482,6 m). © Jürg Alean

In die Höhlen

Nach dem Besucherparkplatz der Grottes de Vallorbe kann man beidseits des Fusswegs erste Quellen entdecken. Auf die weitaus grösste treffen wir schließlich neben dem Besuchereingang zu den Höhlen. Direkt am Fuß einer Felswand tritt die Orbe unvermittelt ans Tageslicht. Die Wassermenge variiert je nach Witterung zwischen 2 und über 80 Kubikmetern pro Sekunde. Bei normalem bis niedrigen Wasserstand ist der Fluss kristallklar.

Ursprünglich war die Quelle der Orbe der einzig mögliche Zugang ins Innere des Höhlensystems. © Jürg Alean

Wir befinden uns am Ausgang eines Höhlensystems, welches Forscher mittlerweile über sechs Kilometer weit kartiert haben, das sich aber zweifellos noch viel weiter durch das Gebirge erstreckt. Die Erkundung begann 1961, nachdem sich drei mutige Taucher rund 140 Meter weit in völliger Dunkelheit gegen die Strömung voran gearbeitet hatten. 1964 erreichten weitere Forscher die trockenliegenden Höhlen weiter hinten. Sie hatten als erste den ganzen «Siphon» bewältigt. Als Siphon bezeichnen Höhlenforscher einen ganz mit Wasser gefüllten Höhlenabschnitt. Erst hinter diesem bekamen sie als erste Menschen die wunderschönen Tropfsteinformationen zu Gesicht, die wir heute dank eines künstlich angelegten Zugangsstollens bequem besichtigen können.

Man unternimmt den Höhlenrundgang selbständig. Ein Begleitkommentar auf Papier oder eine App für Smartphones (Download-Links auf Grottes de Vallorbe) geben Hinweise auf geologische Phänomene, daneben auch auf Phantasiegebilde, wie die «Zitadelle», die «Quallen», den «Gletscher» oder den «Bison».

Verschiedene Kalksinterformationen vereinigt in einer Höhle: ST – Stalaktit, SM – Stalagmit, SR – Sinterröhrchen, SF – Sinterfahne. © Jürg Alean

Nach ein paar hundert Metern steigt man auf dem Rundgang einige Dutzend Meter über Metalltreppen ab, während sich ein fernes Rauschen zu einer immer dominanteren Geräuschkulisse verstärkt. Wir erreichen nun die herausragende Besonderheit der Grottes de Vallorbe: Als einzige Schauhöhle der Schweiz führt sie zu einem grösseren unterirdischen Flusslauf. Hier kann man sogar erkennen, wie sich der Querschnitt der Höhle im Lauf der Zeit verändert: Während der Fluss den Hohlraum immer weiter nach unten und seitlich vergrößert, sind mächtige Kalkblöcke vom Höhlendach heruntergestürzt.

Bei seltenen, starken Hochwassern wird der Durchgang hier überflutet. Dann muss der Besucherzutritt vorübergehend gesperrt werden. Hochwasserstände von 1977, 1990 und 2004 sind in der Nähe des Höhlenausgangs an der Wand markiert.

In der Tiefe rauscht die grünlich beleuchtete Orbe zwischen mächtigen, von der Decke heruntergestürzten Kalkblöcken. © Jürg Alean

Auf dem weiteren, nun wieder ansteigenden Weg kommen wir an zahlreichen weiteren Felsblöcken vorbei. Im treffend als «Kathedrale» bezeichneten Saal geben wir uns einem Licht- und Hörspiel hin, welches unterschiedliche Sinterformationen durch wechselnde Beleuchtung geschickt inszeniert. Erfreulicherweise wurde auf verfremdende Farbeffekte verzichtet, wie sie anderenorts zur vermeintlichen Steigerung des Sehvergnügens zum Einsatz kommen.

Etwas exotisch wirkt in der «Kathedrale» ein ausgestopfter Höhlenforscher – oder ist es eine Forscherin? (rechts der Bildmitte),– doch hilft die Figur beim Erfassen der Dimensionen der Höhle. © Jürg Alean

Grand Morcel

Den Rückweg beginnen wir zunächst auf der gleichen Route entlang der Orbe, folgen ihr aber rechtsufrig weiter. Dabei passieren wir das Naturschutzgebiet Grand Morcel mit mehreren Teichen, ausgedehntem Feuchtgebiet und mehreren Informationstafeln. Früher mäandrierte die Orbe hier frei zwischen den Talseiten hin und her. Im Zuge der Industrialisierung und nachfolgendem Wachstum der Gemeinde wurde sie aber begradigt. Dabei trennte man Mäander vom Fluss ab. Diese blieben als stehende Altwasser zurück. Heute bietet das Naturschutzgebiet Amphibien, Fischen und vielerlei Vogelarten wertvollen Lebensraum. Ein Lehrpfad lädt zu weiterem Verweilen und Erkunden ein.

Ökologisch wertvolles Feuchtgebiet Grand Morcel © Jürg Alean

Entlang dem nun meist schnurgeraden, künstlich angelegten Lauf der Orbe gelangen wir schließlich zum historischen Teil der Ortschaft Vallorbe. Im Zentrum kann man dem Eisen- und Eisenbahnmuseum einen Besuch abstatten. Draußen verdeutlichen Wasserräder die historische Bedeutung der Wasserkraftnutzung. Ein letzter Anstieg führt uns zurück zum Ausgangspunkt beim Bahnhof.

Route

  • Wegstrecke außerhalb der Höhle: 7,1 km
  • Höhendifferenz Auf- und Abstieg: 200 m
  • Ausgangs- und Endpunkt: Bahnhof SBB, Vallorbe (2’518’340, 1’174’000)
  • Zeitbedarf: Reine Marschzeit etwa 2 Stunden hin und zurück; für den selbständigen Besuch der Höhlen ist mindestens eine Stunde zu veranschlagen.
  • Jahreszeit: Die touristisch erschlossenen Teile der Höhle sind von März bis November geöffnet; März: 13:30–16:00 Uhr (jeweils letzter Einlass), April und Mai: 9:30–16:30 Uhr, Juni bis August: 9:30–17:30 Uhr, September und Oktober: 9:30–16:30 Uhr, November: 13:30–16:00 Uhr.
  • Varianten: Neben den Grottes de Vallorbe bietet der Dent du Vaulion bei klarem Wetter eine hervorragende Aussicht bis hin zu den Alpen. Langer Aufstieg direkt ab Vallorbe (ca. 3 Stunden) oder nach Zugfahrt ab Le Pont (ca. 2 Stunden). Von Osten kann man mit dem Auto bis zum Bergrestaurant fahren, von dem man in einer Viertelstunde auf den Gipfel gelangt.

gekürzter Ausschnitt aus dem Buch «Geologische Wanderungen», S. 68-77.


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