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Eiszeit-Wanderung: Grosses Erratikerfeld bei der Verenaschlucht (SO)

Vor 24‘000 Jahren lagen sieben Achtel der Schweiz unter Gletschereis. Die riesigen Eiszeitgletscher hobelten Felsen ab und vertieften die Alpentäler; sie verfrachteten Schutt und Gesteinstrümmer in riesigen Mengen bis ins Mittelland. Noch heute sind ihre Spuren in der Landschaft allgegenwärtig: Findlinge, Moränen, Gletscherschliffe sowie Schluchten, Moore und Seen zeugen von ihrem Wirken.

Jürg Alean und Paul Felber führen uns in ihrem Buch «Eiszeit-Wanderungen» zum Landschaftserbe des Eiszeitalters, aber auch zu den Gletscherschwankungen der letzten Jahrzehnte und den schwindenden Gletschern der Gegenwart. In unserem Online-Magazin zeigen wir exklusiv eine leicht gekürzte Fassung einer der Wanderungen aus dem Buch. Sie führt uns zum großen Erratikerfeld bei der Verenaschlucht (SO).


Gäbe es einen Schönheitswettbewerb der Schweizer Findlingspfade, wäre der Solothurner Megalithweg unter den Anwärtern auf eine Spitzenposition. Wir folgen diesem gut ausgeschilderten Rundweg über die Martinsflue und durch die Verenaschlucht. Den Ausgangspunkt bei der Bushaltestelle St. Niklaus erreicht man vom Hauptbahnhof Solothurn mit der Buslinie 4 oder zu Fuss in rund einer halben Stunde.

«Rütschelistein», ein Erratiker mit auffällig flacher, geneigter Oberfläche; der Hügel links hinten ist eine Moräne des eiszeitlichen Rhone-Gletschers. © Jürg und Pamela Alean

Rund 650 Erratiker kartierte der pensionierte Arzt Benjamin Fässler, bevor der Megalithweg 2013 eingeweiht werden konnte. Die grosse Anzahl von Findlingen verdanken wir einer Kombination mehrerer Ursachen. Sie befinden sich alle nahe am äussersten Rand des Maximalstands des Rhone-Gletschers vor rund 24 000 Jahren, welcher am Fuss des Weissensteins noch eine Höhe von rund 600 Metern erreichte und nur 13 Kilometer weiter östlich bei Aarwangen endete. Die Gletscherzunge deponierte hier ihre Gesteinsfracht wie ein Förderband, dessen Ende sich jahrhundertelang ungefähr an dieser Position befand. Möglicherweise stürzten die Gesteinsblöcke aber schon im Einzugsgebiet des Gletschers massenhaft bei einem Bergsturz auf das Eis. Schliesslich wurden sie nach dem Rückgang der Gletscherzunge auf der Anhöhe der Martinsflue nicht vom Schotter der Schmelzwasserströme überdeckt, welcher in grossen Mengen vor allem in den tieferliegenden Talböden abgelagert worden war.
Vorbei an der Kirche und durch St.Niklaus wandern wir zum Schloss Waldegg, dessen prachtvolles Gebäude, ein Museum und Parkanlagen ebenfalls zu einem Besuch einladen. Heute gehen wir aber nordöstlich des Schlosses durch eine Allee auf einem Moränenrücken des Rhone-Gletschers weiter. Beim Waldrand zweigen wir nach links ab und erreichen einen ersten imposanten Erratiker.

«Rütschelistein»
Der «Rütschelistein» bietet sich, getreu seines Namens, kleinen Wanderern als natürliche Rutschbahn an. Von hier aus hat man einen schönen Blick zurück auf die Moräne, über die wir eben gerade gewandert sind. Nun folgen wir den Markierungen des Megalithwegs, denn die Route verläuft nicht immer auf den in der Landeskarte eingetragenen Wegen. Vorbei an weiteren Erratikern gelangen wir zum spektakulärsten Eiszeitrelikt dieser Wanderung.

Die «Schildchrott»: Zwei Erratiker aus Mont-Blanc-Granit balancieren auf je einem Sockel aus Jurakalk. © Jürg und Pamela Alean

«Schildchrott»
Die «Schildchrott» beeindruckt zum einen durch ihre Grösse und reptilienähnliches Aussehen, zum anderen auch durch den Balanceakt der beiden Erratiker auf je einem Felssockel. Der Kopf der Schildkröte liegt dermassen asymmetrisch auf ihrem Sockel, dass er herunterfiele, würde er nicht vom Panzer daran gehindert. Natürlich stellt sich die Frage, wie die beiden Felsblöcke ausgerechnet auf den beiden Sockeln zu liegen kamen. Des Rätsels Lösung finden wir, wenn wir vorsichtig unter den grösseren der beiden Blöcke kriechen, um den Sockel genauer zu betrachten (dass der Findling herunterfällt ist nicht zu befürchten, doch kann man leicht den Kopf anstossen). Offensichtlich besteht der Sockel aus typischem hellem Kalk aus der Zeit des Späten Juras. Das Gestein ist anstehend, wie man in der geologischen Fachsprache sagt. Das heisst, es ist Teil des festen Gesteinsuntergrunds. Die beiden riesigen Erratiker deponierte der Rhone-Gletscher ganz einfach auf der damals freiliegenden, ziemlich flachen Felsoberfläche. In den rund 20 000 Jahren seit das Eis verschwunden ist, wurde durch Verwitterung und Erosion der einigermassen gut wasserlösliche Kalk des Felsuntergrundes um die Erratiker herum abgetragen. Lediglich unter den Erratikern blieb es trocken, weshalb der Kalk dort weitgehend vor Abtrag geschützt war. So entstanden im Lauf der Zeit Gebilde, die an richtige Gletschertische erinnern. Letztere entstehen allerdings innerhalb von Tagen und Wochen auf Gletschern, wenn Felsblöcke das Eis mit ihrem Schatten vor dem Abschmelzen schützen. Die Kalkpodeste sind ca. 40cm hoch. Um diesen Betrag wurde die Kalkoberfläche also neben den Erratikern seit dem Gletscherrückgang abgetragen. Dies entspricht einer mittleren Abtragungsrate von lediglich zwei Millimetern pro Jahrtausend. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie langsam viele geologische Prozesse ablaufen.

Kies im Chalchgrabe
Nun geht es durch den Chalchgrabe aufwärts. Wie bei der tieferen Verenaschlucht handelt es sich auch hier um eine vom eiszeitlichen Schmelzwasser erodierte Rinne. In der Wegspur sind rundgeschliffene Kiesel zu finden, welche auf die Erosion turbulent fliessenden Wassers hindeuten. Auch die höhlenartigen Vertiefungen, sogenannte Auskolkungen, in den überhängenden Felsen beidseits des Chalchgrabe sind durch die Abtragungswirkung des Schmelzwasserstroms entstanden. Noch vor dem Erreichen des höchsten Punkts zweigen wir nach links ab und steigen aus dem Chalchgrabe hinaus auf eine hügelige Hochfläche im Wald.

Vom Erratiker «Pyramide» ist links ein Teil abgesplittert und liegt nun links unten. © Jürg und Pamela Alean

«Pyramide»
Bei der «Pyramide» halten wir ein weiteres Mal inne. Auf einer Seite dieses besonders schön geformten Erratikers ist ein Stück abgebrochen und liegt seitlich auf dem Wald boden. Wahrscheinlich ist dies eine Folge von Frostsprengung: Dringt Wasser in feine Ritzen ins Innere eines Gesteins, kann es wegen des zunehmenden Volumens beim Gefrieren grossen Druck entwickeln und ganze Gesteinspartien absprengen. Frostsprengung war im kalten Klima am Ende der letzten Eiszeit im Mittelland ein weit verbreitetes Phänomen.
Nach der «Pyramide» führt der Megalithweg über leicht abfallendes Gelände in allgemeiner Südrichtung vorbei am «Namenlosen Findling», dem «Chli Matterhorn» und weiteren Erratikern ohne Beschilderung aber von teilweise imposanter Grösse.

Steinbruch
Nachdem wir den Ortsrand von St. Niklaus erreicht haben, geht es bald wieder rechts in den Wald hinein. Bald kommen wir zu einem Steinbruch,wo früher Kalk der Reuchenette-Formation aus der Späten Jurazeit abgebaut wurde. Bekannt wurde dieses Gestein wegen des Vorkommens zahlreicher versteinerter Schildkröten in einer nur lokal vorhandenen Zwischenschicht, weshalb diese Schicht auch unter dem Namen «Solothurner Schildkrötenkalk» bekannt ist. Prächtige Exemplare von Schildkrötenpanzern sind nebst filigranen Seesternen, einem skurrilen Krokodilkiefer und vielen anderen Fossilien im wunderschön eingerichteten Solothurner Naturmuseum ausgestellt.

Den «Gnappstein» weist ein kleines Täfelchen als unter staatlichem Schutz stehendes Naturdenkmal aus. © Jürg und Pamela Alean

«Gnappstein»
Nach dem Steinbruch nähert sich der Weg über sanft ansteigendes Gelände dem Rand der Verenaschlucht und führt uns bald zum «Gnappstein». Früher konnte man diesen vielleicht zum Gnappen (Wackeln) bringen. Heutzutage sitzt er aber fest und unverrückbar auf seinem gut ausgeprägten Kalkpodest.

Durch Verwitterung haben sich in der Oberfläche des hellen Kalks kleine Karren gebildet. © Jürg und Pamela Alean

Karren
Auf dem Weg zur höchsten Partie der Martinsflue passieren wir weitere Erratiker, vereinzelt mit menschlichen Bearbeitungsspuren und andere, teilweise durch Frostsprengung zerlegte. Zwischen den Bäumen hindurch gibt es etwas Fernsicht auf die Jurahöhen. In diesem Wegabschnitt lohnt es sich nach freiliegenden Kalkoberflächen (ohne Findlinge) Ausschau zu halten. Viele sind von einem Netz von Rillen, sogenannten Karren, durchzogen, welche durch die Jahrtausende andauernde Korrosionswirkung des Regenwassers gebildet wurden.

 

 

Verwerfung

Nach einer Wegkreuzung geht es kurz steil links hinunter, wo wir am Fuss einer auffällig glatten, senkrechten Felswand zurück zur Verenaschlucht wandern. Die Felswand entstand, als die Kalkschichten der Martinsflue im Verlauf der Entstehung des Juragebirges (vor dem Eiszeitalter) stärker angehoben wurden als diejenigen auf denen wir uns befinden. Geologen nennen dies eine Verwerfung. Sie setzt sich unterhalb der Felswand zweifellos auch in die Tiefe hinunter fort.


Die auffällig glatte, senkrechte Felswand nördlich der Verenaschlucht entstand durch tektonische Bewegungen im Zuge der Jurafaltung. © Jürg und Pamela Alean

 

 

Einsiedelei Sankt Verena
Nach dem Waldrand überqueren wir beim Restaurant Einsiedelei einen Bach, der gleich mehrere Namen sein eigen nennt: Als Chesselbach durchquert er weiter oben das Dorf Rüttenen, wird in der Schlucht zum Verenabach und fliesst später als St. Katharinenbach in die Aare. Im oberen Teil der Verenaschlucht befindet sich an idyllischer Lage die Einsiedelei Sankt Verena. Martins- und Verenakapelle sowie das Wohngebäude der Einsiedelei ducken sich in Balmen. Als Balm bezeichnet man eine Nische unter einem Felsüberhang. Balmen zeugen – auch diejenigen höher oben in den Felswänden – von der Erosion des Wassers, welche die Verenaschlucht geschaffen hat.
Schliesslich kommen wir an zwei länglichen Erratikern vorbei, die im 19. Jahrhundert von Menschenhand in eine lotrechte Lage gebracht und mit Inschriften zum Gedenken an Solothurner Berühmtheiten versehen wurden. Im Bachbett können wir nach weiteren Findlingen Ausschau halten. Von den Kalkblöcken lokaler Herkunft können wir sie anhand der dunkleren, grauen Färbung unterscheiden. Wir beschliessen die Rundwanderung am Ausgangspunkt in St. Niklaus oder wandern weiter bis in die sehenswerte Altstadt von Solothurn.

Die Gebäude der Einsiedelei Sankt Verena ducken sich am Fuss von Felswänden teilweise in Balmen. © Jürg und Pamela Alean


Wegstrecke: 7.2km
Höhendifferenz Auf- und Abstieg: 210m
Ausgangs- und Endpunkt: Bushaltestelle St. Niklaus (SO)
Zeitbedarf: reine Marschzeit etwa 2 Stunden
Jahreszeit: ganzjährig, sofern Wege nicht vereist

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