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Über die treulose Tomate – letzte Tomatengeschichte

Mit der heutigen Geschichte endet unsere Serie über teils wundersame und amüsante Namen vieler besonderer Tomatensorten, die unsere Autoren Ute und Martin Studer in den letzten paar Monaten erzählt haben. Zum Abschluss dieser Tomatengeschichten beschreiben die Autoren, wie es dazu kam, dass wir bei einem Verrat jemanden als «treulose Tomate» beschimpfen. 

© Martin Studer

Deutschland war wohl eines der letzten Länder, das Lust auf die Tomate bekam. Noch anfangs des 20. Jahrhunderts gab es viele Gärtner, die sich weigerten, Tomaten anzubauen, weil dieses Gewächs einen angeblich schlechten Geruch hatte, und auch viele Konsumenten weigerten sich Tomaten zu essen. Immer mehr aber wurde von offizieller Seite der Konsum der Tomate gefördert, und Gartenvereine organisierten Degustationstage, um Gärtnern und Köchinnen die verkannte Frucht beliebt zu machen. Bekannt sind auch Geschichten von angeblichen Lachssuppen, die Feinschmeckern, die bekannte Tomatenfeinde waren, serviert wurden. Diese lobten die gefakte Suppe aufs Höchste und mussten danach ihrer Tomatenfeindschaft beschämt abschwören.

Zu der Zeit galt Italien bereits als das Tomatenland per se, und die Italiener waren als begeisterte Tomatenliebhaber bekannt. Die spät entfachte Liebe der Deutschen zur roten Italienerfrucht wurde jedoch bitter enttäuscht – und das lag nicht nur daran, dass das Tropengewächs in den feuchtkalten deutschen Sommerwochen nicht so recht gedeihen wollte. Italien, mit dem Deutschen Reich im Dreibund mit Österreich-Ungarn seit 1882 freundschaftlich verbunden, enttäuschte die nördlichen Nachbarn zutiefst, als es 1914 nicht auf des Reiches Seite in den Krieg eintrat und sich 1915 dann sogar mit den Alliierten verbündete. Die von Deutschland aus empfundene Wortbrüchigkeit der südlichen Tomatenliebhaber, der «treulosen Tomaten», führte zum bald darauf gängig gewordenen Ausdruck: Du treulose Tomate, du!


 Buchcover



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