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HauptAutorinnen Trudi Ziegler-Baumann und Barbara Baumann: Klosterarbeiten

Ranken, Rispen, Figürchen und Bordüren – in Klöstern wurden während Jahrhunderten die verschiedensten Objekte in einer Vielzahl künstlerischer Techniken gefertigt. Diese Klosterarbeiten waren Zeichen populärer Frömmigkeit und lange Zeit prägende Elemente des kulturellen Schaffens in den Klöstern. Trudi Ziegler-Baumann hat über 30 Jahre mit großem Interesse, Hartnäckigkeit und nimmermüder Begeisterung zum Thema geforscht, ausprobiert und sich mit Gleichgesinnten ausgetauscht. Gemeinsam mit Barbara Baumann versammelt sie ihr Wissen und Können über das Handwerk im Buch «Klosterarbeiten». Anhand vieler Projekte zum Nacharbeiten schaffen sie einen neuen, weltlichen Zugang zu den traditionellen «schönen Arbeiten». Dazu gehören Blumen aus Draht, Figürchen aus Wachs, gestickte Amulette oder gewickelte Blattornamente. Ergänzt wird das Buch durch eine Einführung von Walter Bär mit einem kulturgeschichtlichen Überblick zu den Klosterarbeiten.

Entstanden ist ein üppiges Buch, welches das anmutige und zugleich prachtvolle Kunsthandwerk der Klöster in die heutige Zeit überträgt.

Neue und alte originale Fassarbeiten. Foto: Barbara Baumann

Grund für uns, die Autorinnen zu fragen, was sie an Klosterarbeiten fasziniert, welche Techniken und Materialien dabei verwendet werden und wie es dazu kam, dass sie gemeinsam dieses Buch geschrieben haben.


Gleich zu Beginn: Was versteht man unter Klosterarbeiten?

Trudi Ziegler-Baumann (TZ): Klosterarbeiten sind seit Jahrhunderten in der Stille der Klöster entstanden. Sie werden auch «schöne Arbeiten» genannt und sind etwas ganz Rares und Kostbares. Klosterarbeiten sind religiöse Kunsthandwerke mit einer langen Geschichte. Mit viel Fleiss und handwerklichem Geschick sind sie fast ausschliesslich in Frauenklöstern hergestellt worden. Aber auch Männerkonvente, vor allem die Jesuiten, beschäftigten sich mit dem Verzieren von Heiligen und Jesuskindern. Die Schöpferinnen und Schöpfer blieben meist anonym.

Barbara Baumann (BB): Klosterarbeiten sind üppig, glitzernd, farbig, filigran, fromm, prachtvoll, historisch, barock, mystisch, aufwändig. Und sie machen glücklich.

Die Tafel birgt reich verzierte Reliquien. Foto: Barbara Baumann

Woher kommt Ihre Faszination und Ihr Interesse an Klosterarbeiten?

TZ: Für mich ist es die Freude an diesen glitzernden geheimnisvollen Kästchen und Figuren. Zu sehen, was man alles aus einem Stück Draht oder Papier oder Wachs, Stroh, Metall usw. herstellen kann, ist einfach faszinierend. Klosterarbeiten sind für mich die wertvollsten und vielseitigsten Handarbeiten, die man sich vorstellen kann. Ich beschäftige mich seit 30 Jahren mit ihnen. Wenn in einem Museum oder Kloster die Türen zu den Schatzkammern für mich geöffnet werden, kann es schon sein, dass ich Hühnerhaut bekomme oder auch die eine oder andere Träne vergiessen muss. Ich frage mich dann jeweils, wer wohl an dieser Arbeit gewerkelt hat. Wer hatte so viel Geduld? Ich bin den unbekannten Menschen jeweils sehr dankbar für ihr Erbe, das sie hinterlassen haben.

Reisealtar mit Schabmadonna und den 14 Nothelfern, geschmückt mit Drahtarbeiten. Foto: Barbara Baumann

BB: Mich faszinieren die Visualisierungen von Volksfrömmigkeit, die Prachtdemonstration der katholischen Kirche, die Kunstfertigkeit der Handwerkerinnen und die unzähligen Möglichkeiten, die mit den Techniken der Klosterarbeiten offenstehen.
Das Bedürfnis nach Schutz und Segen, Lebenshilfe und Medizin zu einer Zeit vor den Krankenkassen und vor unseren Versicherungen ist überaus spannend, Vergleiche mit anderen Kulturen bietet jedes Völkerkundemuseum.

Margerite, Nelke und Dahlienknospe aus gestanztem Metall. Foto: Barbara Baumann

Werden in Klöstern auch heute noch Klosterarbeiten hergestellt?

TZ: In den Klöstern ist meistens noch Material vorhanden und einige Schwestern wissen noch wie diese Arbeiten hergestellt wurden, aber ich kenne nur noch zwei Schwestern, die, falls es die Zeit erlaubt, kleinere Objekte herstellen.

BB: Klosterarbeit hat in den Klöstern mit der Säkularisierung und Aufklärung die Bedeutung verloren. Heute interessieren sich Sammlerinnen und Kunsthandwerker dafür.

Kastenrahmen mit Papierstanzabeiten. Im Zentrum ein geprägtes und bedrucktes Andachtsbild. Foto: Barbara Baumann

Was sind die wichtigsten Techniken und Materialien, die bei Klosterarbeiten zum Einsatz kommen?

TZ: Das ist so vielseitig: Draht in allen Varianten, Lahn/Plätt, kordierter Draht in Silber und Gold, Papier, Krüllstreifen, Wachs, Metallfolie zum Stanzen von Blumen, kostbare Stoffe, unzählige Naturmaterialien, Kartonage, usw.

Drahtarbeiten. Foto: Barbara Baumann

BB: Geduld und innere Ruhe nicht vergessen. Und die Freude am Entstehen und Gelingen.

Erzählen Sie uns etwas über die Entstehung des Buches. Wie kam es dazu? Wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit? Wer war für was zuständig?

TZ: Ich gebe seit mehr als zwanzig Jahren Kurse und habe Barbara so kennengelernt und habe ihre Fingerfertigkeit schon in der ersten Stunde bewundert. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und schon nach einem Tag kam Barbara mit der Idee, all diese Techniken dürfen doch nicht vergessen werden, da muss ein Buch gemacht werden. Ich war sofort dabei. Ich war für die Muster und Techniken zuständig und Barbara fürs Schriftliche.

BB: Wir brauchten genau zwei Mailnachrichten:
Barbara: liebe Trudi, kurz und bündig: ich würde sehr, sehr gerne ein Buch über Klosterarbeit machen. Was meinst du dazu?
Trudi: kurz und bündig sage ich: ja.
Und genau so unkompliziert war die Zusammenarbeit über zwei Jahre, bis das Buch fertig war.
Trudi ist die Beste!

Kastenrahmen mit Jesuskind und Ganutellblüten. Foto: Barbara Baumann

An wen richtet sich Ihr Buch?

TZ: An Liebhaber von Handarbeiten und schönen Dingen.

BB: Gestalter*innen, Kunsthandwerker*innen, Bastler*innen, Künstler*innen, Sammler*innen und Gfätterliarbeiter*Innen.

Mehrschichtige Blüten aus Strohplatten gestanzt. Foto: Barbara Baumann


Trudi Ziegler-Baumann hat jahrelang zu Klosterarbeiten recherchiert, Beziehungen geknüpft und sich mit Gleichgesinnten ausgetauscht. Ab 1991 besuchte sie zahlreiche Kurse und Weiterbildungen. Ihre Kenntnisse gibt sie seit 20 Jahren als Kursleiterin weiter. In all den Jahren sind in ihrem Atelier unzählige Paradiesgärtchen, Klosterbilder, Reliquientafeln, Breverl, Wachsarbeiten, verzierte Eier und Weihnachtsobjekte entstanden. Ihre Arbeiten fanden in Ausstellungen viele Bewunderer. Ihre Fertigkeit konnte sie auch als Restauratorin von alten Arbeiten in verschiedenen Klöstern einsetzen.
Trudi Ziegler-Baumann ist von der Vielfältigkeit der Klosterarbeit begeistert. Davon zeugt ihre große Dokumentation zum Thema: Eigene Aufzeichnungen füllen Ordner, ihre Sammlung von Objekten, originalem Material und Werkzeugen ist umfassend. Zu jedem dieser Gegenstände weiß sie eine Geschichte zu erzählen, erklärt den volkskundlichen Hintergrund und kann auf Symbole und Zusammenhänge zum religiösen Glauben und Aberglauben hinweisen.

Barbara Baumann ist Lehrerin für textiles Werken, Erwachsenenbildnerin und Sachbuchautorin («Papierschmuck» und «Neues aus alten Zeitungen», beide Bücher sind im Haupt Verlag erschienen). Seit einem dreimonatigen Indienaufenthalt setzt sie sich mit den Themen Schutzbräuche und Volksglaube auseinander: kunsthandwerklichen Objekten zu Glaube und Aberglaube. In ihrem Atelier entstehen Amulette, die formal an reale Vorbilder aus verschiedenen Kulturen erinnern.
Was Klosterarbeit betrifft, bezeichnet sie sich als Lernende im zweiten Lehrjahr, in Trudi Ziegler-Baumann steht ihr eine wunderbare Meisterin zur Seite.

Trudi Ziegler-Baumann (links) und Barbara Baumann (rechts).

Die geplante Buchvernissage im Historischen Museum Uri in Altdorf vom 25. Oktober 2020 musste leider aufgrund der aktuellen Corona-Situation abgesagt werden.

 Buchcover