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HauptAutorin: Petia Knebel

Petia Knebel ist fasziniert von Ton, einem der ältesten Gestaltungsmaterialien der Geschichte. In ihrem vor kurzem erschienenen Buch «Gestalten mit Ton» spürt sie diesem vielseitigen Werkstoff und seinen Gestaltungsmöglichkeiten nach und zeigt 30 Projekten zum Nacharbeiten.

Im Interview verrät sie uns, weshalb beim Gestalten mit Ton alle Sinne angesprochen werden, wie sie beim Design eines neuen Objektes vorgeht und welchen Rat ihr ein japanischer Keramiker gegeben hat.

Was fasziniert Sie am Werkstoff Ton?

Das Material Ton, eines der ältesten Gestaltungsmaterialien der Menschheitsgeschichte, fasziniert mich in vielerlei Hinsicht. Es bietet z. B. die Möglichkeit, Ideen im wahrsten Sinne des Wortes auszuformen und dadurch sichtbar zu machen. Und während des Arbeitsprozesses wird das Zusammenwirken der Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer zu einem Erlebnis mit allen Sinnen.
Im offenen Feuer oder im Elektroofen gebrannte Keramiken können Jahrtausende überdauern, was man beispielsweise sehr gut an den archäologischen Fundstücken aus meiner Heimatstadt, Obernburg am Main (Bayern), sehen kann. Um 100/110 n. Chr. erbauten die Römer an dieser Stelle ein Kohortenkastell. Noch heute werden neben Schmuckstücken, Münzen und Steinen mit Innschriften vielfältige, formschöne Gebrauchsgegenstände aus dem Werkstoff Ton gefunden und sie können im örtlichen Römermuseum bewundert werden.

Rassel im offenen Feuer gebrannt. Die Spuren der Flammen sind auf der Oberfläche der Rassel deutlich erkennbar.

Mit welchen anderen Materialien arbeiten Sie ebenfalls gerne?

Stein, Holz, Metall, Gips und Ton sind typische Bildhauermaterialien, doch jedes Material hat eine spezifische Präsenz und Ausstrahlung. Bei der Figurengruppe «Wasserballett» verwendete ich Paraffinwachs, um das Wasser zu repräsentieren. Im flüssigen Zustand ist das Wachs transparent und ausgehärtet erscheint es hell getrübt. Hieran faszinieren mich beispielsweise die verschiedenen Aggregatszustände des Materials und dessen Oberfläche, welche edel seidenmatt glänzt.

Wasserballett

Schale

Bei der Schale mit dem Titel «Schick und schön» wird die schlichte, weiße Keramikform mit bunten Draht-Papierschnüren kombiniert, sodass sich die beiden Materialien gegenseitig auf spannungsvolle Weise beeinflussen. Untersucht man Materialien auf ihre Konsistenz, Haptik und Verarbeitungsmöglichkeiten, inspirieren viele von ihnen zum Gestalten oder, wie bei der Figur «Muse Malerei», zum Umgestalten. Der vorgefundene Pinsel wird in seiner Sinnhaftigkeit umgedeutet – er wird zum Kopf mit Haaren eines «guten Geistes».

Gute Geister – Muse Malerei

Was raten Sie einer Anfängerin oder einem Anfänger, die sich mit plastischem Gestalten auseinandersetzen möchten?

Es gibt die Möglichkeit auf spielerische Weise mit dem Material Ton umzugehen und dabei Formveränderungen und deren ästhetische Wirkung zu beobachten sowie Grenzen auszuloten. Ein breites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheiten zum Experimentieren wird eröffnet, denn nicht jedes Stück muss in den Ofen und somit für die Ewigkeit haltbar gemacht werden. Ton wird u. a. aus diesem Grund gerne in der Kunsttherapie und im schulischen Bereich eingesetzt.
Soll ein Werk gebrannt werden, so sind Grundkenntnisse in der Verarbeitungstechnik nötig und daher werden diese gleich auf den ersten Seiten des Buchs vorgestellt. Die Entstehungsprozesse der im Anschluss gezeigten Werke werden in einzelnen Arbeitsschritten mit Bild und Text, auch für Einsteiger gut nachvollziehbar, dargestellt.
Kurz zusammengefasst, würde ich Folgendes sagen: «Folgen Sie Ihrer eigenen Neugierde, seien Sie mutig, forschen Sie künstlerisch und experimentieren Sie. Ertragen Sie Zweifel, die besonders in der Phase der Konzeptentwicklung entstehen können und beobachten Sie aufmerksam, was unter den eigenen Händen Form annimmt. Und vor allem: Genießen Sie den Arbeitsprozess und erfreuen Sie sich am Ergebnis, sei es noch so klein, unerwartet oder verblüffend!»

Beim Design der Objekte im Buch dienen Ihnen Zufallsexperimente, Gemüse und Obst oder Sprichwörter als Vorbilder. Wie gehen Sie beim Entwurf und der Gestaltung eines neuen Objektes vor?

Es war mir ein Anliegen, möglichst unterschiedliche Ideenfindungsprozesse zu kreieren und aufzuzeigen. Hierbei griff ich auch auf Erkenntnisse aus der Kreativitätsforschung zurück. Die Teekanne wird z. B. mithilfe einer morphologischen Matrix nach Fritz Zwicky entworfen. Weiterhin werden Plastiken auf der Grundlage von Blindzeichnungen oder fotografischen Langzeitbelichtungen entwickelt. Auch Texte können Gestaltungsanlässe sein, wie z. B. im Kapitel «Gestalten eines Torsos» nach einem Gedicht von Rilke.
Für mich persönlich können viele Dinge inspirierend sein und manchmal recht schnell zu ersten Ideenskizzen führen. Dies ist ein unglaublich spannender und freudvoller Prozess. Doch danach geht die oftmals harte und langwierige Arbeit los. Nach unterschiedlichen Kriterien untersuche, überprüfe und bewerte ich meine Ideen. Es ist ein Ringen, Verwerfen, Neubeginnen, Suchen und im besten Fall ein Finden. Besonders bei großformatigen Werken für den öffentlichen Raum wird dies deutlich spürbar. Um so schöner, wenn die eigenen Arbeiten wertgeschätzt werden und dazu beitragen können, Freude und Denkanstöße zu geben oder auch Dialoge zu initiieren.
Auf der nachfolgenden Abbildung sieht man die von mir angefertigte Bank «Wortwechsel – Schriftwechsel», eine partizipatorische Freiplastik aus dem Material Aluminium. Der gewählte Titel verweist auf die intendierte Aktivität der Betrachter. Ich lade die Betrachter der Arbeit dazu ein, einen schriftlichen Wortwechsel zu führen. Nach einiger Zeit wird die Oberfläche zu einem, mit schwarzen Textmustern überzogener Informationsträger voller monologischer und dialogischer Wortwechsel.

Petia Knebel auf ihrer «Wortwechsel – Schriftwechsel – Bank» (Aluminium) sitzend.

Neben Gebrauchsgegenständen zeigen Sie im Buch auch abstrakte Reliefs und figürliche Plastiken. Was gestalten Sie lieber? Und worin liegt der jeweilige Reiz in der Gestaltung?

Reliefs vereinen in sich bildhauerische und malerische Aspekte und das kann sehr spannend sein. Es existiert eine große Vielfalt an farbigen Glasuren, welche der Fachhandel anbietet. Matte, glänzende, semitransparente und sogar mehrfarbige Glasuren mit Tiefe und Leuchtkraft sind erhältlich – eine wunderbare Möglichkeit der Oberflächenveredelung.
Bei Plastiken liegt der Reiz, aber auch gleichzeitig die Herausforderung, in der allansichtigen Gestaltung – das ist äußerst interessant!
Und jetzt möchte ich Ihnen noch eine Geschichte mitteilen, die mir so ein japanischer Keramiker erzählte. Er sagte, ich solle bei der Herstellung eines Trinkgefäßes gute Wünsche miteinarbeiten. Trinkt man später aus der Tasse, käme das Glück mit jedem Schluck zurück. Das finde ich wunderschön!

Espresso Exklusiv

Im Buch ordnen Sie die einzelnen Objekte kunstgeschichtlich ein und verweisen auf Werke anderer Künstler. Im Anhang gibt es zudem eine ausführliche Liste mit Museen mit keramischen Sammlungen. Gibt es einen Künstler oder eine Epoche, die Sie persönlich besonders inspiriert?

Mit Blick auf die historisch bedingte Vielfalt an Ideen, Formen und Materialien, fällt es mir schwer, hier eine Festlegung zu treffen.
Zu allen Zeiten und Epochen ist eine intensive gestalterische Auseinandersetzung erkennbar, die wiederum Voraussetzung für das Gelingen eines Schaffensprozesses ist und am Ende zu einem ansprechenden und bleibenden Kunstwerk führen kann. Dies ist mir auch auf Reisen aufgefallen. Der Wille zur Gestaltung und zur Form ist ein grenzüberschreitendes Phänomen, das man auch als Künstlerin und Künstler aus der eigenen Erfahrung kennt.

Welches ist Ihr Lieblingsobjekt im Buch?

Die Idee zur abstrakten Plastik «Synthese» entstand durch die Kombination verschiedener Vorlieben von mir. Zum einen faszinieren mich weiche, organisch gewachsene Strukturen aus der Natur und zum anderen geometrische Formen wie z. B. Quader oder Zylinder. Kombiniert man diese kontrastreichen Formensprachen, können sie sich ergänzen und zu einer ästhetisch schlüssigen Einheit gelangen. Dieses Zusammenspiel ist geprägt von Rhythmus, Staffelung, Struktur, Statik und Dynamik.
Die technische Umsetzung bezieht das ganze Spektrum der Verarbeitungsmöglichkeiten des Materials Ton mit ein. So kann feuchter Ton gerollt, gekrümmt, gewickelt und gefaltet werden. Hingegen ist es nur mit lederharten Tonplatten möglich, exakte architektonische Formen aufzubauen. Die auf das geschrühte Werk aufgetragene Glasur erscheint nach dem Glasurbrand bei 1040 °C schwarz-metallic schimmernd und so erlebt das Auge des Betrachters viele Stellen an dem es haften bleiben kann.
Ich freue mich, nicht nur mein Lieblingsstück, sondern auch meine Leidenschaft für das Material Ton mit vielen Leuten teilen zu dürfen.

Synthese

Fotos Objekte: Anton Brandl


Petia Knebel studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München, an der University of St. Andrews sowie an der Accademia di Belle Arti Brera in Milano und schloss ihr Studium mit dem Diplom in Bildhauerei sowie dem ersten und zweiten Staatsexamen für das gymnasiale Lehramt für das Fach Kunst ab.

Sie unterrichtete an der Universität Augsburg, als Erasmus-Dozentin an der Universität in Konya sowie an der Kunstakademie in Perugia und lehrte als Gastdozentin an der Columbia University in New York. Sie nahm am Project Zero der Harvard Graduate School of Education teil. Petia Knebel ist Akademische Oberrätin und lehrt Bildhauerei sowie Kunstdidaktik an der Universität in Eichstätt-Ingolstadt.


 Buchcover