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HauptAutorin Laura Wilhelm

Die erfolgreiche Nähbuchautorin Laura Wilhelm zeigt in ihrem neuen Buch «Feste Stoffe», woraus und wie man praktische und strapazierfähige Objekte wie eine Fahrradtasche, hübsche Outdoorkissen oder eine Handyhülle nähen kann.

Doch was genau ist mit festen Stoffen gemeint? Kann ich sie mit einer einfachen Nähmaschine verarbeiten? Im Interview mit uns klärt sie nicht nur diese grundlegenden Fragen, sondern verrät uns auch ihr Lieblingsprojekt aus dem Buch und wie die Zusammenarbeit mit ihrem Mann Tobias lief, der die Fotos für das Buch gemacht hat.

Was versteht man unter «festen Stoffen»?

Ein fester Stoff ist dicht gewebt und hat ein mittelschweres bis schweres Gewicht. Es gibt verschiedene Arten fester und schwerer Webstoffe, sie sind bei den Taschen-, Outdoor-, Bezugs- und Möbelstoffen sowie auch bei den Bekleidungsstoffen zu finden. Für die Projekte in meinem Buch habe ich unterschiedliche Canvas / Segeltuch -Arten aus reiner Baumwolle, gewachste Baumwolle und hochwertige Möbelstoffe aus Naturfasern verwendet. Natürlich eignen sich auch andere feste Stoffe, wie zum Beispiel Jeans, Cordura, Softshell oder dünnes Kunstleder.

Worauf muss man beim Nähen mit festen Stoffen besonders achten?

Man benötigt eine solide und gute Haushaltsnähmaschine (das muss keine teure, neue Maschine sein, denn alte, generalüberholte Modelle sind oft am besten geeignet) und eine passende Nähmaschinennadel. Bei der Verarbeitung von schweren Stoffen empfehlen sich Nadeln der Stärke 90-110, in die sich auch extrastarkes Nähgarn gut einfädeln lässt. Für gewachste oder beschichtete Qualitäten eignen sich spezielle Mikrotex-Nadeln der Stärke 80-90, sie sind extra spitz und schlank und dringen daher besonders leicht in dicht gewebte und beschichtete Materialien ein. Wie bei allen Nähprojekten ist es wichtig, qualitativ hochwertiges Nähgarn zu verwenden und die Fadenspannung sorgfältig einzustellen, denn ein sauberes Stichbild ist die beste Grundlage für ein gutes Nähergebnis.

Mit welchem Stoff nähen Sie am liebsten – und weshalb?

Schon immer vernähe ich am liebsten Stoffe aus Naturfasern. Seit der Arbeit an diesem Buch liebe ich besonders gewachste Baumwolle (Oilskin) und vorgewaschene Canvasstoffe. Diese sind robust und unkompliziert zu verarbeiten und haben einen angenehmen Griff. Der coole «Used Look» dieser Stoffe, der durch die Vorbehandlung durch Waschen oder Ölen bzw. Wachsen entsteht, verstärkt sich im Gebrauch und verleiht dann jedem Einzelstück eine einzigartige Patina.

Sie sind eine sehr erfahrene Näherin und Textildesignerin. Haben Sie bei der Arbeit am Buch trotzdem noch etwas Neues gelernt?

Oh ja! Obwohl ich schon zahlreiche Nähbücher veröffentlicht habe, war bei diesem Projekt viel Neuland für mich dabei. Die Verarbeitungstechniken für Leder, die Erstellung von Riemen und Schnallen musste ich mir erst einmal selbst erarbeiten, ausprobieren und über zahlreiche Versuche so austüfteln, dass sie mit normalem Werkzeug und der Haushaltsnähmaschine umsetzbar sind. Auch das Konzept, einfache Schnitte zu entwickeln und diese als Schemazeichnungen direkt im Buch so darzustellen, dass sie ohne Umwege (ohne Abpausen von einem Schnittbogen) direkt auf den Stoff übertragen werden können, war eine neue Herausforderung. Die vielen Schrittfotos, der ausführliche Grundlagenteil … doch, ich habe sehr viel gelernt.

Welches ist Ihr Lieblingsprojekt im Buch?

Ganz klar: der Rucksack! Der gelbe Rucksack war die erste Näh-Idee, die ich für das Buch entwickelt habe und sein weinroter «Zwilling» das letzte Projekt, das ich zum Schluss noch genäht habe, weil die Schrittfotos noch fehlten. Die Rucksäcke sind inzwischen zu Lieblingsstücken der ganzen Familie geworden. Dass auch unsere zwei Teenie-Kinder sie cool finden und benutzen, das freut mich besonders.

Sie haben bereits sehr viele Nähbücher veröffentlicht. Zum ersten Mal stammen die Fotos im Buch von Ihrem Mann Tobias Wilhelm. Wie war die Zusammenarbeit?

Es war ein tolles und spannendes Projekt, das uns viele gemeinsame Arbeitsstunden beschert hat. Meistens hatten wir viel Spaß dabei, aber natürlich waren wir zwischendrin auch voneinander genervt, zum Beispiel wenn es zeitlichen Stress gab oder wir nicht derselben Meinung waren. Da musste dann erst einmal diskutiert werden 😉…und das hat dann meistens zu einem guten Ergebnis geführt. Ich finde, dass Tobias wunderschöne Fotos gemacht hat und ich bin mit unserer Zusammenarbeit sehr zufrieden.

Viele Bilder – auch in Ihren anderen Büchern – wurden in Finnland aufgenommen. Was inspiriert Sie besonders an diesem Land?

Meine Mutter ist Finnin, meine beiden Geschwister leben in Finnland, dadurch bin ich meinem zweiten «Heimatland» sehr verbunden. Mich inspirieren die Schlichtheit und Funktionalität in Design und Architektur und natürlich die endlose Weite und Schönheit der Natur. Im Sommerhaus am See zur Ruhe kommen – das ist einfach herrlich und schafft Platz für neue Ideen.

Wenn Sie nicht gerade Bücher schreiben – was machen Sie dann?

Ich arbeite als freie Mode- und Textildesignerin und als Kursleiterin / Gastdozentin in Deutschland und Finnland und ich bin regelmäßig mit einer Näh-Idee in der SWR-Sendung «Kaffee oder Tee» zu sehen. Und ich liebe Aufräumen und Ausmisten – das mache ich spätestens dann, wenn ein Buchprojekt abgeschlossen ist und wieder etwas mehr Zeit ist. Danach ist mein Kopf frei und bereit für neue Ideen und Projekte!


Laura Sinikka Wilhelm studierte Textildesign in Finnland und Deutschland. Ihren Abschluss machte sie 1997 als Dipl.- Ing. Textildesignerin an der FH Reutlingen. Seither ist sie selbständig tätig und arbeitet als freie Mode- und Textildesignerin sowie als Gastdozentin und Autorin in beiden Ländern.

In der Fernsehsendung «Kaffee oder Tee» des SWR hat sie bereits mehrere Projekte zum Nacharbeiten vorgestellt. Im Haupt Verlag sind von ihr bereits verschiedene Bücher erschienen, zuletzt «Alles Jeans» und neu «Feste Stoffe».

Fotos: Tobias Wilhelm

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