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HauptAutor: Andreas Gigon

Von Insektenschlafstätten in Blumen über Ameisengarden für Schmetterlingsraupen, bis hin zu Insektentaxis: Der Autor Andreas Gigon beschreibt in seinem Buch «Symbiosen in unseren Wiesen, Wäldern und Mooren» über hundert positive Einzelbeziehungen zwischen Pflanzen-, Tier- und Pilzarten.

Im Interview mit uns erzählt er, was es mit diesen Symbiosen der Natur auf sich hat und warum diese so wichtig sind für uns Menschen wie auch für unsere Umwelt.

In Ihrem neuen Buch geht es um Symbiosen zwischen Pflanzen, Pilzen, Tieren und Mikroorganismen. Was verstehen Sie unter dem Begriff «Symbiose» genau?

Die Symbiose ist eine spezielle Form der positiven zwischenartlichen Beziehungen. Letztere sind Beziehungen, bei denen zwei Arten einander gegenseitig fördern, oder es wird nur eine der Arten gefördert und die andere bleibt unbeeinflusst.

Ist eine wechselseitig förderliche, also positive Beziehung besonders eng und dauerhaft bzw. unerlässlich (obligat), so bezeichnet man sie als Symbiose. In der Wissenschaft wird statt «Symbiose» meist der Begriff «Mutualismus» verwendet.

Rosenkäfer und andere Insekten saugen Nektar aus Blüten des Zwerg-Holunders und bestäuben diese dabei, so dass Samen entstehen können, was für die Pflanze natürlich positiv ist. Foto: Siga, WikiCom, CC-BY-SA-3.0.

Wo stoßen wir auf Symbiosen in der Natur?

Überall! Fast alle Pflanzen leben in Symbiose mit speziellen Pilzen (Mykorrhizen), die ihnen über ein riesiges Geflecht von mikroskopischen Fäden im Boden bei der Nährstoffaufnahme «helfen». Die oberirdischen Pilze sind die Fruchtkörper dieser Pilze. Als «Gegenleistung» liefern die Pflanzen den Pilzfäden Kohlenhydrate.

Eine Symbiose ist auch die Blütenbestäubung durch Insekten, in den Tropen auch durch Vögel, Fledermäuse oder andere Kleintiere: Pollen (Blütenstaub) wird von Blüte zu Blüte transportiert, was für die Samenbildung unerlässlich ist. Die Tiere erhalten von der Pflanze «dafür» süßen Nektar; manchmal dienen auch Pollenkörner als Nahrung.

Auch bei der Verbreitung von Früchten und Samen durch Tiere profitieren meist beide Partner. Für die Pflanzen ist es wichtig, dass ihre Samen an neue Standorte gelangen. Die Tiere profitieren meist dadurch, dass sie die Früchte fressen; nach der Verdauung werden deren Samen unversehrt wieder ausgeschieden und können so an einem neuen Ort, weg von der Ursprungspflanze sprießen.

Das helle Geflecht von Pilz-Strängen im Boden versorgt den Nadelbaum mit Phosphat und anderen Nährstoffen und erhält «dafür» von Baum Kohlenhydrate. Foto: © Simon Egli

Warum sind derartige Symbiosen oder auch «positive Beziehungen» wichtig für uns Menschen?

Die soeben dargelegten und viele weitere Symbiosen sind nicht zuletzt für zahlreiche Kulturpflanzen unerlässlich. So wurde z.B. der Wert der von Honig- und Wildbienen bestäubten Kulturen in der Schweiz auf 205 bis 479 Millionen Franken pro Jahr berechnet. Dies betrifft Obst, Beeren, Gurken, Tomaten und viele weitere Kulturpflanzen.

Auch für das Leben vieler Wald-, Wiesen- und Weidepflanzen (und somit für die Nutztiere) sind Symbiosen und andere zwischenartliche positive Beziehungen unerlässlich.

Welche der in Ihrem Buch aufgeführten positiven Beziehungen finden Sie besonders spannend?

Bei den kleinen rot-schwarzen Widderchen-Schmetterlingen (Blutströpfchen, Zygänen) gibt es einen besonderen Schutz vor Vogelfraß, nämlich durch ein unangenehm riechendes Gift. Dieses nehmen die genannten Schmetterlinge während des Larvenstadiums durch Fraß der Blätter von Hornklee auf und bauen es in ihren Körper ein. Hier liegt eine einseitige Förderung des Schmetterlings durch den Hornklee vor: Der Widderchen-Schmetterling schützt sich, der Hornklee wird durch den Fraß nicht namhaft geschädigt.

Interessant ist auch, wie der Spitzwegerich sich vor Fraß durch Raupen des Gewöhnlichen Scheckenfalters schützt. Legt dieser seine Eier auf Wegerich-Blätter, so werden Duftstoffe ausgesendet, welche Schlupfwespen anlocken. Diese legen ihre Eier in die Eier des Scheckenfalters hinein. Aus den Schlupfwespen-Eiern schlüpfen dann Räupchen, die die Eier des Scheckenfalters von innen verzehren. Es entstehen somit keine Scheckenfalter-Räupchen, welche Wegerich-Blätter anfressen würden: Eine indirekte wechselseitig positive Beziehung zwischen Spitzwegerich und Schlupfwespe.

Im Anhang des Buches sind diverse Tipps für das Finden und Beobachten von Symbiosen aufgeführt. Können Sie uns drei Beispiele nennen?

Früh am Morgen kann man in Glockenblumen schauen: manchmal hat es dort kleine Bienen, Fliegen oder Käfer, die dort geschützt die Nacht verbracht haben: Die Glockenblume ist eine sogenannte Schlafstättenblume mit einer für die Insekten einseitig positiven Wirkung.

Auf Waldboden kann man auf einigen Quadratdezimetern die obersten 3-5 cm entfernen und, wenn man Glück hat, sieht man an abgestorbenen Blättern und Ästchen oder an lebenden Wurzeln kleine weißliche Fäden. Meist sind dies Stränge aus vielen mikroskopisch dünnen Pilzfäden der soeben beschriebenen Mykorrhizen.

Vom Regenwurm gehen mehrere positive Beziehungen aus: Er frisst abgestorbenes Pflanzenmaterial und «produziert» daraus Humus. Er durchlöchert den Boden und schafft dadurch Poren, durch welche Wasser und Luft (mit Sauerstoff) ins Erdreich eindringen. Beides ist für die Pflanzenwurzeln und die im Boden lebenden Kleintiere, Pilze und Bakterien unerlässlich.

Immer interessant ist es natürlich auch, die Blütenbestäubung durch Bienen, durch Schmetterlinge mit ihren langen Rüsseln sowie durch andere Insekten von Nahem zu beobachten.

Ein kleines Insekt schläft bis in den Morgen hinein geschützt in einer Glockenblume. Foto: © A. Gigon.

Sie beschäftigen sich schon sehr lange mit dem Thema Symbiosen. Sind Sie beim Schreiben des Buches auf etwas Unerwartetes gestoßen, das Sie überrascht hat?

Überrascht hat mich vor allem die große Anzahl von Symbiosen und weiteren positiven zwischenartlicher Beziehungen, die jeweils in unseren mitteleuropäischen Wiesen, Wäldern und anderen Ökosystemen vorkommen. Je nach der betrachteten Lebensgemeinschaft sind es Dutzende bis viele Hundert. Auch die Vielfalt dieser Beziehungen ist erstaunlich: es können über 60 ganz verschiedene Typen unterschieden werden!

All dies zeigt: In der Natur herrscht nicht nur ein «Fressen-und-gefressen-Werden», sondern auch ein «Fördern-und-gefördert-Werden».


Andreas Gigon war von 1985 bis 2007 Professor für Pflanzenökologie und Naturschutzbiologie an der ETH Zürich. Er entwickelte das Naturschutzinstruments der «Blauen Listen der bedrohten Tier- und Pflanzenarten, die erfolgreich gefördert werden konnten». Er ist Gründungsmitglied des interdisziplinären ETH-Studiengangs Umweltnaturwissenschaften und Autor von über 100 Fachartikeln und -büchern.

 


Andreas Gigon war am 20.5.2020 zu Gast in der Sendung «Treffpunkt» auf Radio SRF1.
Hier kann man das Gespräch nachhören.


 Buchcover