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HauptAutor: Adrian Pfiffner

Die Landschaften der Schweiz sind weltberühmt. Doch wie entstanden sie? Welche Vorgänge sind verantwortlich für die Bildung von Bergen und Tälern? Welche Rolle spielt dabei der geologische Untergrund? Und wie entstanden die Alpen als Gebirge? Der renommierte Geologe O. Adrian Pfiffner geht diesen Fragen in seinem Buch «Landschaften und Geologie der Schweiz» nach und beantwortet sie in einer auch für Laien verständlichen Sprache. Zahlreiche Fotos und aussagekräftige Grafiken erleichtern das Verständnis der geologischen Formen und Prozesse.

Uns hat er im Interview verraten, woher seine Faszination für Geologie stammt, welches die größten Schwierigkeiten beim Verfassen des Buches waren und welche Landschaft er persönlich am liebsten mag.

Ihr neues Buch heißt «Landschaften und Geologie der Schweiz». Weshalb haben Sie den Zugang über die Landschaft gewählt?
Landschaft ist das was uns bei jeglicher Tätigkeit im Freien ins Auge sticht, sei es auf dem Weg zur Arbeit, beim Spaziergang oder auf einer Wanderung. Und ob alt oder jung, man kann sich darüber unterhalten mit Anderen. Unter Geologie können sich die Wenigsten etwas vorstellen, obschon die Landschaften davon eigentlich sehr eng geprägt sind. Ich schleiche mich also quasi über die Landschaften an um die Leute für geologische Fragen zu interessieren.

An wen richtet sich das Buch? Im Vorwort schreiben Sie, dass das Buch auch für interessierte Laien verständlich ist. Braucht man ein Grundwissen in Geologie, um die Vorgänge, die Sie beschreiben, zu verstehen?
Das Buch richtet sich an Jugendliche und Erwachsene, an Alle die sich einmal über die Existenz von Landschaften bewusst wurden. Ich habe versucht den Text so zu gestalten, dass geologische Vorkenntnisse nicht nötig sind. Vielmehr habe ich die Grundkenntnisse für das Verständnis geologischer Vorgänge mit Hilfe von selbsterklärenden Landschaftsbildern zu erklären versucht. Zu diesen Vorgängen zählen etwa der Abtrag auf Bergflanken durch fließendes Wasser oder Gletscher, aber auch die Prozesse der Gebirgsbildung, welche die Verhältnisse des Felsuntergrundes von Bergen und Tälern gestaltet haben.

Schichtstufenlandschaft am Firzstock (Vordergrund) und dahinter am Mürtschenstock (GL), mit Blick nach SW. Foto © A. Pfiffner.

Weshalb ist die Schweiz aus geologischer Sicht besonders interessant?
Die Schweiz enthält ein Segment der Alpen mit einem vollständigen Querschnitt durch das Gebirge. Die Alpen sind aus einer Kollision zweier Kontinentalplatten hervorgegangen. In der Schweiz können nicht nur die beiden Ränder dieser Kontinente direkt beobachtet werden. Es können auch die Gesteine, welche in Ozeanbecken zwischen diesen Kontinentalplatten gebildet wurden, studiert werden. Und nicht zuletzt ist es auch möglich die Spuren, welche der Kollisionsprozess in diesen ozeanischen Gesteinen hinterlassen hat zu studieren. All dies auf – im weltweiten Vergleich mit anderen Gebirgen – kleinstem Raum und in betörenden Landschaften.

Blick auf die Churfirsten (SG). Links der Brisi (2277 m), in der Mitte Zuestoll (2234 m) und rechts der Schibenstoll (2234 m). Zwischen Brisi und Zuestoll ist im Hintergrund der Säntis zu sehen. Foto © A. Pfiffner.

Das Buch ist unglaublich reich an Wissen und Informationen. Wie lange dauerte es von der ersten Idee bis zum fertigen Buch? Welches waren die größten Schwierigkeiten?
Die erste Idee war bald nach Erscheinen der 3. Auflage des Buches über die Geologie der Alpen anno 2015, ein Buch das sich an ein Fachpublikum richtet. In den ersten zwei Jahren sammelte ich Ideen und Abbildungen. Vor zwei Jahren ging es dann an die konkrete Arbeit, und hier ergaben sich auch die größten Schwierigkeit: in welcher Reihenfolge sollen die Kapitel erscheinen und wie ist deren interne Struktur zu gestalten? Was gehört definitiv nicht in das Buch? Welche Informationen sind absolut notwendig um die ausgewählten geologischen Vorgänge allgemeinverständlich zu präsentieren? Der Verzicht auf für Laien unverständliche Fachausdrücke verlangte sorgfältige, aber nicht umständliche Formulierungen. In mehreren Fällen war ich auch gezwungen, meine Kenntnisse in mir bisher weniger bekannte geologische Prozesse zu vertiefen. Für eine ausgewogene Wiedergabe der Verhältnisse der Gesamtschweiz war ich gezwungen, Beispiele außerhalb meiner «geologischen Stammlande» zu finden.

Glarner Hauptüberschiebung am Ringelspitz/Piz Barghis (GR/SG). Längs einer «magischen Linie» liegen ältere, grünliche Verrucano-Gesteine auf jüngeren, dunkleren Flysch-Gesteinen. Foto © A. Pfiffner.

Woher kommt Ihre Faszination für Geologie? Wann hat diese begonnen?
Ich bin in den Trümmern eines Bergsturzes aufgewachsen und war schon als Jugendlicher mit Strahlern («Kristallsuchern») in Kontakt. Nahegelegene verlassene Goldminen und eine von imposanten Kalkwänden gekrönte Landschaft weckten mein Interesse insgeheim. Aber der Durchbruch war wohl das interessant gestaltete Fach Geologie an der Kantonsschule in Chur. Plötzlich wurden neben den Kristallen auch die Gesteine interessant. Deren Alter und Entstehungsgeschichte faszinierten mich, nicht zuletzt weil ich vor der Haustür einen Berggipfel vor der Nase hatte, bei welchem ältere Gesteine auf jüngeren liegen. Schließlich musste ich mich noch zwischen Geologie und Geophysik entscheiden. Ersteres gewann, aber Zweites holte ich mir nach mit meinen Forschungen zum tiefen Untergrund der Schweiz.

Blick ins Gasterntal (BE), ein klassisches Sohlental, bei welchem aber der Felsuntergrund ein Kerbtal bildet. Foto © A. Pfiffner.

Welches ist Ihre persönliche Lieblingslandschaft?
Diese Frage ist für mich sehr schwierig zu beantworten. Die Bergsturzlandschaft der Ruinaulta, die Landschaft um den Vierwaldstättersee, das Gasterntal, das Avers, die Tektonikarena Sardona wie auch die Juraketten rund um den Chasseral lassen zwar mein Herz höher schlagen. Aber ich habe auch im Himalaya, den Rocky Mountains und den Anden Landschaften angetroffen, die mich begeistert haben. Zudem ist zu sagen, dass tiefe Einschnitte wie der Grand Canyon in Nordamerika oder der Colca Canyon in Peru berühmten Bergen wie Matterhorn oder Anapurna in Nichts nachstehen.


Adrian Pfiffner studierte und doktorierte an der ETH-Zürich. Nach Aufenthalten in Vancouver (Kanada) und Neuenburg wurde er 1987 als Professor an die Universität Bern berufen. In seinen Forschungen beschäftigt er sich mit dem Bau und der Entstehung von Gebirgen.


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