Sie sind hier: / Magazin / Gestalten


Eine Autorin auf Reisen in Japan

Unsere Autorin Petra Paffenholz ist zu Recherchezwecken für ihr eben erschienenes Buch «Buchbinden im japanischen Stil» nach Japan gereist, hat Buchbinde-Werkstätten besucht und Buchbinderinnen und Buchbinder getroffen. Woher ihre Faszination für Japan stammt und was sie auf ihrer Reise sonst noch erlebt hat, erzählt sie hier.

FASZINATION JAPAN

Als ich 14 Jahre alt war, kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der japanischen Kultur. Ich habe auf meinen kleinen Neffen aufgepasst und war mit ihm auf einem Spielplatz. Im Sandkasten spielten zwei andere Kinder, jedes für sich. Das erschien mir nicht richtig und irgendwie gelang es mir, die Kinder zusammenzubringen. Eines war türkischer, das andere wohl japanischer Herkunft. Als es Abend wurde, kam die Mutter des japanischen Kindes auf mich zu und schenkte mir eine origamimäßig gefaltete Puppe. Alle Teile waren gefaltet und gesteckt und die Puppe war wie eine Shintō-Braut gekleidet. Diese Puppe war handwerklich beeindruckend und ich habe sie sehr bewundert.

Später lernte ich die Krimis von Janwillem van de Wetering kennen. In den Geschichten geht es natürlich um das Verbrechen, den Mord, aber hintergründig vermittelt van de Wetering die buddhistische Philosophie des Zen. Auch sein Buch «Der leere Spiegel» gehörte zu meiner Lektüre – sein Bericht über den Aufenthalt in einem Zen-Kloster in Japan.

Zuletzt mag ein japanischer Holzschnitt, der bei uns zuhause an der Wand hing, meine Faszination für Japan vertieft haben. Selbstverständlich war der Holzschnitt, in stiller Präsenz, mit unglaublicher Feinheit gestaltet!

Hier scheinen die Wurzeln zu liegen: In meiner Bewunderung für die exzellente Qualität japanischer Kunsthandwerker. Es ist diese Spezialisierung, das Wissen, welches oft über mehrere Generationen weitergeben wird und so eine Vertiefung erreicht, die man nur als PERFEKT beschreiben kann.

So ist eines zum anderen gekommen: Als ich 2015 etwas Geld geerbt habe, konnte ich mir meinen Traum erfüllen und bin zum ersten Mal nach Japan gereist.

BEEINDRUCKENDE HANDWERKSBETRIEBE

Eine Buchbinderin und einen Buchbinder habe ich vor meiner Reise ausfindig gemacht und dann auf der Reise kennengelernt. Die Buchbinderin  fand ich beeindruckend, weil ihr Geschäft so schön chaotisch und lebendig war. Wahrscheinlich möchte sie das so nicht hören, aber dass die von ihr gefertigten Bücher super sind, brauche ich nicht zu erwähnen. Es ist die Persönlichkeit, der Mensch, den ich spannend finde, die Freundlichkeit, mit der mir alles gezeigt und erklärt wurde.

Auch den japanischen Buchbinder, den ich im Netz durch YouTube-Videos (Buchbindekurs, Dokumentation auf Japanisch) gefunden habe, konnte ich treffen. Als ich schließlich seine E-Mail-Adresse ausfindig machen konnte, bat ich ihn um ein Treffen. Stellen Sie sich vor, Sie schreiben von der anderen Seite der Welt einem Fremden und er stimmt zu, Sie zu treffen. Meine Güte, war ich glücklich, dass mir dies gelungen ist. Es ist diese vertrauensvolle Offenheit, die mir begegnet ist, unabhängig davon, dass es eine wunderbar überfüllte, aber sehr sortierte Werkstatt war, die ich kennengelernt habe.

In dem handwerklichen Können spiegelt sich das tiefe Verstehen des  Materials und die Hingabe, um ein perfektes Ergebnis zu erzielen. Die Geschäfte sind besonders, da jedes ein Alleinstellungsmerkmal aufweist. Ich denke, sie sind auch stolz auf die Papierqualität und die Tiefe des Angebots. Die Sorgfalt in der Präsentation und das Hervorheben der jeweiligen Besonderheit machen auch bei vergleichbarem Angebot jedes Geschäft zu einem Unikat.

Im Vergleich zu Europa kann ich nur sagen: Der Service ist wunderbar! Da muss niemand auf Personal suche! Hier ist der Kunde wirklich «König».

HIGHLIGHT DER REISE

Zweifellos war das Highlight meiner Reise die Begegnung mit dem Kaiserpaar. Es war ein totaler Zufall, dass ich genau an diesem Frühlingstag zum Imperial Palace unterwegs war, um die Kirschblüten zu bestaunen. In meinem ryokan (das ist ein traditionell eingerichtetes japanisches Hotel) hatte man mir empfohlen, an diesem Tag zu Fuß zu gehen, da nun die Blüten gerade richtig schön blühen würden. Also habe ich mich auf den Weg gemacht. Es waren zwar etliche Menschen unterwegs, aber es war nicht überfüllt. Ich kam zu einem Platz, wo auffällig viele Kameraleute mit beeindruckendem Equipment warteten. Auf Japanisch gab es Anweisungen, die ich natürlich nicht verstand. Als ich auf Englisch jemanden fragte, was denn los sei, bekam ich die Antwort, dass jeden Moment das Kaiserpaar eintreffen würde. Diesen Anblick ließ ich mir nicht entgehen: Ich blieb also, wo ich war, und folgte der Anweisung, mich hinter eine gedachte Linie zu stellen. Eine schicke Limousine bog auf den Weg ein und begleitet von Bodyguards, stiegen Kaiser Emeritus Akihito und Kaiserin Emerita Michiko aus und schlenderten freundlich lächelnd auf die Menschen zu. In der Runde begrüßten sie die Wartenden, tätschelten den Hund, unterhielten sich mit den Leuten. Natürlich verbeugten sich die Umstehenden und zollten dem Kaiserpaar ihren Respekt. Auf ihrem Spaziergang wurden sie die ganze Zeit von den Kameras der Fernsehstationen beobachtet.

Irgendwann wurde mir klar, dass sie auf dem Weg zurück zum Auto an mir vorbeikommen würden. Ich dachte mir, dass sie mich vermutlich ansprechen würden, da ich mit meinem europäischen Aussehen und meiner blauen Brille etwas aus der Menge herausstach. So kam es.

Auf wundersame Weise war ich null nervös und habe mich mit der Kaiserin Michiko unterhalten wie mit einer anderen Person auch. Sie ist süss, hat ihrem Mann immer übersetzt, was ich auf ihre Fragen geantwortet hatte (er hat ein Hörgerät und spricht wahrscheinlich kein Englisch).

Die Aufregung kam erst hinterher, nacheinander stürzten sich diverse Fernsehsender auf mich und haben mich über das Gespräch mit dem Kaiserpaar ausgefragt. Die Konsequenz daraus: Am Abend war ich im japanischen Fernsehen zu sehen. Glücklicherweise konnte ich meine Aufregung und Freude mit den ryokan-Mitarbeitern teilen, die pünktlich zu den Nachrichten den Fernseher eingeschaltet haben.

Zwei Tage später war ich in einem kleinen Museum etwas außerhalb von Kyoto unterwegs und wurde tatsächlich von einer Angestellten erkannt, die mich im Fernsehen gesehen hatte. So habe ich, um es mit Andy Warhol zu sagen, meine 15 Minuten Berühmtheit in Japan gehabt. Durch einen riesigen Zufall, der sich sicher nicht wiederholen wird. Außer, ich fliege wieder nach Japan, um den Nachfolger, den Sohn von Kaiser Emeritus Akihito, Kaiser Naruhito mit Gattin Masako, zu treffen.

Fotos © Petra Paffenholz


 Buchcover