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Ein ganz besonderes Herbarium

Bunt und gestochen scharf leuchten Blüten, Blätter, Staubgefäße und Früchte auf schwarzem Grund: Ingeborg Niesler und Angela Niebel-Lohmann gewähren in ihrem «Bildatlas der Blütenpflanzen» einen überraschenden und einmaligen Blick auf Blütenpflanzen. Doch wie entstehen die eindrücklichen Bilder? Und wie kam es überhaupt dazu? Wir haben bei Ingeborg Niesler nachgefragt.

Abbildung aus «Bildatlas der Blütenpflanzen» von Ingeborg Niesler und Angela Niebel-Lohmann

«Am 1. Januar 2004 fand ich auf einem Neujahrsspaziergang eine umgestürzte Pappel, an deren Zweigen schon dicke Knospen entwickelt waren. Einige dieser Zweige pflückte ich mir ab und legte sie zu Hause auf meinen neuen Flachbettscanner und scannte sie ein. Ich war überrascht: Fotos hätten nicht besser sein können! Die Knospen wurden also aufpräpariert und jeder Schritt mit einem Scan dokumentiert.»

Abbildung aus «Bildatlas der Blütenpflanzen» von Ingeborg Niesler und Angela Niebel-Lohmann

Die ersten Bilder entstanden spontan und zufällig. Doch Ingeborg Niesler wollte es genauer wissen und perfektionierte das Vorgehen. Die frischen Pflanzenteile werden auf den Scanner gelegt, geschützt durch zwei Stützen mit schwarzem Samt abgedeckt und mit einem Maßstab ergänzt. «Die Abdeckung mit schwarzem Samt erwies sich als geeignet, um der Entstehung von «Parallelschatten» entgegen zu wirken, die bei hellen Hintergründen gerne entstehen und stark von der eigentlichen Information der abgebildeten Pflanzenteile ablenken.» Die einzelnen Pflanzenteile fügt Ingeborg Niesler dann zu einem digitalen Herbarbogen zusammen, auf dem so viele morphologische Informationen der Pflanze abzulesen sein sollen wie möglich – ganz wie in den gezeichneten Herbarien früherer Zeiten. «Mich hat schon immer interessiert, wie «alles aussieht»», sagt Ingeborg Niesler. «Deshalb habe ich das virtuelle Herbarium so aufgebaut, wie man es früher gezeichnet hat, also mit allen Einzelheiten, so dass man nach dem Bild auch eine Pflanzenbestimmung durchführen könnte.» Es dauert rund 1,5 bis 2,5 Stunden, um eine Seite, also einen virtuellen Herbarbogen herzustellen.

Ingeborg Niesler (links) und Angela Niebel-Lohmann (rechts) im Gewächshaus des Biozentrums Klein Flottbek. Foto: Imke Onken

Die Bögen und Details setzt sie auch im Unterricht am Biozentrum Klein Flottbek der Universität Hamburg ein und stellt sie den Studierenden zur Verfügung. Viele der im Buch gezeigten Pflanzen stammen dann auch aus dem Loki-Schmidt-Garten, der zum Biozentrum Klein Flottbek gehört. Mittlerweile sind ca. 1800 dieser virtuellen Herbarbögen aus ca. 200 blühenden Pflanzenfamilien zusammengekommen.

© Ingeborg Niesler

Doch Ingeborg Niesler verwendet die Pflanzenscans nicht nur zu wissenschaftlichen Zwecken, sondern gestaltet damit auch Collagen. «Das ist wie «Spielen mit einem Baukasten». Bei über 1800 Scans, die sich inzwischen angesammelt haben à ca. 10 Einzelheiten/Seite gibt es genug, um immer neue z.B. symmetrische Bilder zusammenzustellen. Da dies sozusagen der «künstlerische» Aspekt ist, darf ich da auch Farbe und Form verändern. Die Bilder entstehen spielerisch, rein nach Gefühl und Tagesform.»

Collage aus den gescannten Blütenteilen. © Ingeborg Niesler

Ästhetisch eindrucksvoll sind jedoch auch die wissenschaftlichen Bildtafeln der Pflanzenfamilien, die im «Bildatlas der Blütenpflanzen» nach den neuesten systematischen Erkenntnissen gegliedert sind: So ist das Buch Bildband, Nachschlagewerk und Geschenkbuch in einem für alle, die sich für die Farbenpracht der Blütenpflanzen begeistern und ebenfalls wissen wollen, wie «alles aussieht».

Abbildung aus «Bildatlas der Blütenpflanzen» von Ingeborg Niesler und Angela Niebel-Lohmann


 Buchcover



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