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„Das Leben der Pflanzen und ihre Seele“ – Bücher, die Sie dieses Jahr nicht zu Weihnachten verschenken können, Teil 2

Nachdem Sie letzte Woche von kriegerischen Leibesübungen für Frauenturnvereine aus dem Jahr 1944 lesen konnten, geht es mit den Archivperlen weiter! Ich habe wieder keinerlei Gefahren gescheut, das Archiv umgepflügt und eine Besonderheit ans Tageslicht befördert, die möglicherweise seit 76 Jahren auf ihre Wiederentdeckung wartet.

 „Das Leben der Pflanze und ihre Seele“

von Dr. Alexander Tschirch

Archiv-Perle der Woche!

Archiv-Perle der Woche!

Alexander Tschirch war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Pharmazie, Pflanzenanatomie und Pharmakognosie (der Lehre der Drogen, Arzneimittel und Giftstoffe mit pflanzlichem oder tierischem Ursprung). Dass er von 1908 von 1909 Rektor der Universität Bern war, dürfen Sie als besondere Wertschätzung seiner Errungenschaften als Wissenschaftler interpretieren.

Er publizierte 20 Bücher und rund 400 Fachartikel. Im Jahr 1938, ein Jahr vor seinem Tod, schrieb er das besondere Büchlein, das ich Ihnen heute als Archiv-Perle vorstellen darf.

Und Sie erinnern sich hoffentlich an meine Worte von Teil 1: Sie können das Büchlein NICHT in unserer Buchhandlung kaufen! Wie immer bei den Archiv-Perlen können Sie unsere Buchhändlerinnen noch so innig beknien, ihnen Rosen oder Pralinen schicken, es wird nichts bringen. Aber mit etwas Glück finden Sie vielleicht hier oder hier ein antiquarisches Exemplar.

Zunächst etwas über Tschirchs Hintergrund – nicht dass Sie meinen, ich stelle Ihnen hier IRGENDJEMANDES Buch vor. Mitnichten!

Alexander Tschirchs Interesse an den Heilwirkungen von Pflanzen begann mit seiner Apothekerlehre und setzte sich in seinem Studium der Pharmazie an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität fort. Über 40 Jahre lang (1890 bis 1932) war er Professor für Pharmazie und Pharmakognosie an der Universität in Bern. Und wenn Sie dies noch nicht genügend beeindruckt: Insgesamt erhielt er 6 Ehrendoktorate und war Ehrenmitglied von rund 40 wissenschaftlichen Gesellschaften.

Ich hoffe, Sie nun davon überzeugt zu haben, dass der Autor der Archivperle kein weltferner Hippie war, der nichts besseres mit seiner Zeit anzufangen wusste, als Pflanzen eine Seele anzudichten. Er war Wissenschaftler durch und durch … Wenn sich jemand mit den akademischen Seiten der Pflanzenkunde auskannte, dann mit Sicherheit Alexander Tschirch. Ein Grossteil seiner Werke lagert heute in der Historischen Bibliothek der Schweizer Pharmazie in Bern. Sie wussten doch, dass es die gibt, oder? Also ich nicht, wieder was gelernt!

Blattrand-Forschung

Blattrand-Forschung

Das Leben der Pflanze und ihre Seele beginnt mit einem Präludium (clever-people- / Lateinlehrer- bzw. Urahnen-Sprech für „Vorwort“), in dem Tschirch erklärt, wie der Aspekt der Pflanzenseele Einzug in sein Leben und sein Werk genommen hat: Er hatte begonnen, Pflanzen zu malen! Dadurch, hält er fest, sei er zu den grossen Zusammenhängen geführt worden, nachdem er sich vorher jahrzehntelang mit den einzelnen chemischen Bausteinen und deren Wirkungen beschäftigt hatte.

Ist es nicht beeindruckend, wenn ein Wissenschaftler, der als Leiter der eidgenössischen Kommission für das amtliche Arzneibuch jahrelang Beiträge zur Arzneimittelprüfung verfasste und verantwortete, auf einmal die Ansicht vertritt, dass die Vorgänge, durch die die Pflanze ihre Wirkung entfaltet, bloss ein Hilfsmittel darstellen, um den Willen der Pflanzenseele durchzusetzen?

Noch mal langsam: Laut Tschirch hat die Pflanze eine Seele. Sie hat einen Willen. Sie bedient sich „mechanisch betriebener Vorgänge“ – die Tschirch sein Leben lang genauestens studierte – um diesen Willen durchzusetzen.

Ich zumindest bin hin und weg von dieser Veröffentlichung einer Meinung, die viele von Tschirchs Kollegen sicherlich in starken Zweifel gezogen haben! Courage!!

Tschirch vertritt in diesem letzten Werk die Auffassung, dass die allgemeine Biologie der Pflanzen um ein Element erweitert werde muss, um den Gesamtzusammenhang zu erfassen: „[…] die Psychologie, die ich als eine Psychophysik auffasse […]“ (S.3)

Sein Präludium schliesst mit dem Appell, die Erforschung der Pflanzen weniger auf die reine Beobachtung zu beschränken, sondern „das Denken in der Naturforschung“ zum Thema zu machen. Er sieht seine Erkenntnisse über die Pflanzenseele also als nichts an, dass seinen Empfindungen entspringt – was man heutigen Vertretern ähnlicher Ansichten ja gerne vorwirft – sondern als Resultat einer geistigen Beschäftigung mit dem Thema.

Wissenschaftler, der er ist, gibt Tschirch zunächst eine Übersicht über die Rolle der Pflanze und ihrer Seele in der Kunstgeschichte.

Da er aufgrund einer Herzerkrankung seiner Leidenschaft der Landschaftsmalerei nicht mehr nachgehen konnte, begann Tschirch wie bereits erwähnt, Pflanzen zu malen, die er sich ins Haus holen konnte. Dabei wurde er auf die von der Natur aufwändig ausgestalteten Blattränder aufmerksam, was seinen Forschergeist auf den Plan rief, da ihm dieser Aspekt vorher nie aufgefallen war und er davon ausging, die Natur müsse damit etwas bestimmtes bezwecken.

„Die Natur ist sparsam. Wenn sie einen Aufwand treibt, wie er in der fürstlichen Ausstattung des Blattrandes vorliegt, so hat sie zweifellos damit einen Zweck im Auge, und wir dürfen wohl darüber nachdenken, was das wohl für ein Zweck sei.“ (S. 10)

Er entdeckte nach eingehenden Untersuchungen verschiedener Blattrandformen, dass sich an den Spitzen der Blattzähne Fortsätze befinden, die er „einer plötzlichen Eingebung folgend“ (S. 10) als „Antennen“ bezeichnet. Er schreibt ihnen die Funktion von Empfängern für Strahlen zu, nicht ohne direkt zu erwähnen, dass er den Beweis zunächst nicht erbringen konnte.

Tschirch stellt die Theorie auf, dass die Fortsätze an den Blattzähnen und der Blattspitze Antennen sind, die Energie aufnehmen. Und er wäre nicht 66 Jahre lang Wissenschaftler gewesen, wenn er diese Theorie keiner eingehender Prüfung unterziehen würde.

Nach gründlichem Studium der verschiedenen Blattrandformen und Antennentypen, die er aufwändig aufzählt und fast schon katalogisiert, geht er dazu über, mögliche Gründe für die ausgefeilten und aufwändigen Blattränder und ihre so genannten Antennen-Fortsätze zu finden. Dass sie etwas mit dem Wasserhaushalt, der Ausscheidung oder dem Sauerstoff-Haushalt zu tun haben könnten, schliesst er aus, da er die dafür nötigen organischen Vorgänge kennt und die Blattspitzen hierfür nicht benötigt werden. Darin sieht er die Bestätigung, dass die Antennen für die Aufnahme von Energie zuständig sein müssen. Dass es nicht (Sonnen-)Licht sein kann, begründet er mit seinem Wissen darüber, dass der chemisch-physikalische Betrieb von Pflanzen dieses nicht benötigt. Als Beispiel werden hier Champignon-Kulturen angeführt, die im Dunkeln heranwachsen.

Die Begründung, die ein ganzes Kapitel füllt, weshalb Tschirch die Pflanzenseele in der so genannten Interzellularsubstanz verortet, habe ich nicht gründlich genug verstanden, um sie ihnen hier in mundgerechten Häppchen zu präsentieren. Es tut mir also echt leid!

Um die Seele der Pflanze zu belegen, prüft Tschirch, welche Aspekte ihres Lebens physikalisch-mechanisch erklärbar sind (z.B. die Photosynthese) und welche seiner Meinung nach einen eigenen Willen voraussetzen. Er sieht beispielsweise darin, dass Pflanzen Reserven für die Zukunft anlegen, einen solchen Willen als treibende Kraft. Auch in dem Bestreben, die eigene Art zu erhalten, also beispielsweise möglichst prunkvoll um Bienen und andere Insekten zu werben, um die Bestäubung sicherzustellen, sieht er die Seele als treibende Kraft.

Tschirchs Erklärung für Blattränder ohne Zähne: "Dort wo Zähne an den Seiten fehlen, übernimmt die Spitzen-Antenne die Zuführung der Energien; gegen sie hin sind alle Nerven geneigt. Beide Blattseiten sind niemals kongruent"

Tschirchs Erklärung für Blattränder ohne Zähne: „Dort wo Zähne an den Seiten fehlen, übernimmt die Spitzen-Antenne die Zuführung der Energien; gegen sie hin sind alle Nerven geneigt. Beide Blattseiten sind niemals kongruent“

Aufgrund der Tatsache, dass kein Blatt dem anderen gleicht (das hat Herr Tschirch durch den Vergleich hunderter Blätter verschiedener Pflanzen herausgefunden), schreibt er diesen Persönlichkeitscharakter zu.
Und damit nicht genug, er schreibt bereits 1939, dass die Blätter untereinander mittels Duftstoffen kommunizieren. (Warum bereits? Weil es sich bestätigte, wie Sie z.B. im  Geo-Beitrag am Ende dieses Artikels nachlesen können). Ferner schreibt er den Pflanzen die Präferenz von Standorten zu, die nichts mit der Qualität des Erdreichs oder den Witterungsverhältnissen zu tun haben, wofür er eigene Beobachtungen aus dem Berner Oberland heranzieht.

Ganz besonders scheint sich Tschirch der Wille der Pflanzen dadurch auszudrücken, welche Reaktionen sie auf Verwundungen zeigen. Wundgummi, Wundharz und

Löwenzahn im Kleinkinderalter

Löwenzahn im Kleinkinderalter

Wundkorkbildungen sind Beispiele für die Selbstheilung.

Die Pflanzenseele vergleicht er mit einem Fabrikdirektor, der alle Vorgänge leitet, den Überblick hat und darüber bestimmt, wann welche Funktionen ausgeführt werden sollen.

Immer wieder beschreibt er die Ergriffenheit, die ihn beispielsweise beim Vergleich hunderter Löwenzahnblätter befallen hat. Nur eine Seele, so Tschirch, könnte solch eine Vielzahl von Persönlichkeiten hervorbringen.

Tschirch schliesst seine Abhandlung mit einer liebevollen (ja, anders kann ich es nicht ausdrücken), 4 Seiten langen Umschreibung des zyklischen Verlaufs der Lebensgeschichte einer Löwenzahnpflanze, während derer er immer wieder auf Vorgänge hinweist, die seiner Meinung nach nicht mechanisch-physikalischen Ursprungs sein können und daher – laut Tschirch – auf die Existenz einer Seele hindeuten müssen. Er illustriert diesen Kreislauf aufwendig und in Farbe.

Löwenzahn jenseits des Zenits

Löwenzahn jenseits des Zenits

Mit dem Wissen, dass der Forscher das 40-seitige Büchlein 1938 verfasst hat und im Jahr der Publikation, 1939, im Alter von 83 Jahren verstarb, liest sich dieser Kreislauf, der mit der Rückkehr der Pflanze zu „Wasser, Feuer, Luft und Erde“ (S. 40) endet, fast wie ein Schlusspunkt der eigenen Beschäftigung mit der Pflanzenwelt. Das „Grosse Ganze“ ist erfasst, der Kreis kann sich schliessen.

Dies ist ja kein wissenschaftlicher Blogbeitrag, sondern die Fundmeldung über eine Archivperle, daher dürfen Sie sich über eine Portion Gefühlsduselei nicht beschweren.

Tschirch erforschte 66 Jahre lang die Pflanzenwelt und trug massgeblich dazu bei, dass deren Wirkstoffe erkrankten Menschen zugutekamen. Berührt von der Lektüre seiner Beschreibungen dessen, was er in den letzten Lebensjahren beim Malen der Pflanzen erlebte, kann ich nicht umhin, zu hoffen, dass sie ihm ihr wahres Wesen offenbarten, ihn mit dem Zyklus des Lebens versöhnten und damit die gute Medizin waren, die er im Jahr, in dem sich der Kreis seinen eigenen Lebens schloss, am meisten benötigte.

Vollreifer Löwenzahn - das Spiel kann von vorne beginnen ...

Vollreifer Löwenzahn – das Spiel kann von vorne beginnen …

Und wie immer lasse ich Sie nicht ziehen, ohne erwerbbare Alternativen zur Archiv-Perle vorzuschlagen, heute gar drei, zu bestellen unter bestellung@haupt.ch oder hier: Die Buchhandlung Ihres Vertrauens

Blütengeheimnisse – wie Blumen werben, locken und verführen

von Bruno P. Kremer
ISBN 978-3-258-07782-6

UG_Kremer_Blueten_def2.inddBlüten sind der ästhetische Höhepunkt im Pflanzenleben. Mit ihrer unglaublichen Vielfalt an Farben und Formen schmücken sie Felder und Wiesen ebenso wie Gärten und Parks und lassen zeitweise sogar ganze Landschaften in einem üppig bunten Meer versinken.

Noch viel faszinierender erscheinen uns Blüten und Blumen, wenn man sie ganz aus der Nähe betrachtet und ihnen die vielen kleinen Geheimnisse entlockt, die zwischen Entfalten, Aufblühen, Welken und Vergehen am Werk sind. «Blütengeheimnisse» verrät die hintergründigen Tricks der Blüten, zeigt die unglaublichen Abläufe und stellt die raffiniert eingefädelten Beziehungen zu den tierischen Besuchern vor.

Dieses Buch überrascht mit vielen intimen Blicken hinter die Kulissen. Mit spannenden Texten und anhand faszinierender Bilder erklärt es umfassend die Naturgeschichte der Blüten in ihrer ganzen Erscheinungsvielfalt.

Blüten experimentell: Auf www.haupt.ch stehen 20 Versuchsanregungen für Schule und Unterricht zur Verfügung.

Direkter Link zum Buch – klicke-di-klick!

 

Das geheime Leben der Pflanzen –

Pflanzen als Lebewesen mit Charakter und Seele und ihre Reaktionen in den physischen und emotionalen Beziehungen zum Menschen
von Peter Tompkins und Frank Brunke
ISBN: 978-3596219773

Tompkins_Bird, Das geheime Leben der Pflanzen„Durch wirklich bahnbrechende wissenschaftliche Versuche wurde inzwischen bewiesen, was Außenseiter unter den Pflanzenforschern schon vor Jahrhunderten zu behaupten wagten: Pflanzen reagieren wie Menschen. Sie haben Gefühle und Erinnerungsvermögen, nehmen optische und akustische Eindrücke wahr und unterscheiden zwischen Harmonie und Dissonanzen. In Experimenten wurden Pflanzen an empfindliche Meßgeräte angeschlossen. Diese Geräte zeigen an, daß Pflanzen erschreckt reagieren, wenn sie sich bedroht fühlen, und freudig, wenn sich ihnen ein Freund näherte.
Die Entdeckung der Pflanzen als beseelte Lebewesen und ihrer physischen und emotionalen Beziehungen zum Menschen eröffnet atemberaubende Perspektiven für unser gesamtes Naturverständnis.
Was wir über die »Blumensprache« wissen, wie ihre Bio-Signale zu verstehen sind und wie all diese revolutionierenden Erkenntnisse sich praktisch nutzen lassen, haben die Autoren in diesem Pionierwerk über die neue Wissenschaft von dem Verhalten der Pflanzen hier erstmals dargestellt.“

Die Seele der Pflanzen

von Wolf-Dieter Storl
ISBN 978-3440138083

Storl, Seele der PflanzenWolf-Dieter Storl vermittelt die Botschaften von 55 Pflanzenpersönlichkeiten, die wir im Wald, am Wegesrand oder auf Wiesen finden können. Er enthüllt ihr Wesen, ihre Seele – und auch die Kräfte, mit denen sie uns erfreuen oder heilen. Woran können wir erkennen, dass die Taubnessel der Venus geweiht ist, und welche Beschwerden kann sie dadurch heilen? Welche Bedeutung verbirgt sich hinter dem Namen „Hexenkraut“? Mit den faszinierenden und einzigartigen Fotografien des Pflanzenverbündeten Frank Brunke, der teilweise stundenlang vor einem Motiv ausharrt, entstand ein unvergleichliches Werk.

 

Und hier noch der versprochene Link zum Geo-Artikel, viel Vergnügen beim Lesen: Die Sprache der Pflanzen