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Wespenalarm! – und warum sich genaues Hinschauen trotzdem lohnt

Sächsische_Wespe-Manfred Kunz

Sächsische Wespe
Bild: Manfred Kunz (wikicommons)

Als meine Partnerin und ich im letzten Sommer von unserer Ferienreise zurückkehrten, fanden wir einen Zettel der Nachbarin auf unserem Küchentisch: «Achtung! Ihr habt ein Wespennest auf dem Balkon. Bitte aufpassen!» Unsere Nachbarin hatte beim Blumengießen mit Entsetzen festgestellt, dass sich die gelb-schwarzen Insekten im Rollladen über dem Balkonfenster angesiedelt hatten. Auch durch mehrfaches Hoch- und Runterrollen der Store hatte sie die Wespen nicht vertreiben können.

Wir waren beunruhigt: Vor unserer Abreise war uns schon aufgefallen, dass spätestens ab Mai doch einige Wespen mehr als sonst üblich um den Frühstückstisch und die Balkonpflanzen umhersurrten. Irritiert hatte es uns jedoch nicht, denn die kleinen Hautflügler hatten uns weder die Marmelade streitig gemacht, noch waren sie in irgendeiner Weise aggressiv geworden. Mit einem Wasserglas und einem Papier fingen wir eine Wespe ein und beobachteten sie genauer: Der Körper schien uns etwas kleiner als bei den üblichen Wespen, der Kopf etwas länglicher. Ein Blick in das Nachschlagewerk «Stadtfauna» bestätigte: Dies waren Sächsische Wespen, eine der in Mitteleuropa häufigsten Langkopfwespenarten – und vor allem: völlig friedfertig. Die Königin hatte im Frühjahr unseren Rollladen als geeigneten Nestplatz entdeckt und im Inneren des Kastens mit dem Bau des Nestes begonnen. Mit den Spermien der letztjährigen Männchen, die sie in ihrer Spermientasche aufbewahrt hatte, befruchtete sie dann die Eier und legte sie in den Zellen ab. Ab Juni waren die ersten Arbeiterinnen unterwegs: ein Teil von ihnen baute das Nest weiter aus, andere fütterten und säuberten die Larven, wiederum andere jagten Insekten als Nahrung. Die Völker der Sächsischen Wespe erreichen eine Größe von mehreren Hundert Insekten, auch das unterscheidet sie von der Gemeinen Wespe, deren Nester mehrere Tausend Individuen umfassen können. Hochinteressant war, was an Nahrungsresten aus dem Rollladen fiel: Spinnenbeine, Insektenflügel und vieles mehr. Auf unserem Balkon war der Spuk Ende August vorbei: Während weniger Tage nahm der rege Flugverkehr stetig ab, zuletzt «flugtaumelten» noch wenige geschwächte Wespen umher. Aggressive Begegnungen gab es in der ganzen Zeit keine einzige, auch nicht in der Hochphase im August. Fast schien es, als hätte sich Wespen und Menschen an die Anwesenheit der anderen gewöhnt.

Es heißt, Wespenköniginnen – wenn die denn den Winter überleben – würden dasselbe Nest nicht wieder nutzen. Das ist fast ein wenig schade, denn wir hatten im Laufe des Sommers Gefallen an den umtriebigen Fliegern gefunden. Auf jeden Fall werde ich nun im Frühjahr die Store auf unserem Balkon genau beobachten.

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