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Zeichnen – Wahrnehmung, Selbstvergewisserung, Passion

Boerboom Proetel

 

TP: Beim Zeichnen sehen wir die Dinge, Menschen, Ereignisse, Natur, Gebäude besonders intensiv. Wir dürfen uns auf sie einlassen, sie betrachten, voller Neugier und mit der selbstbestimmten Distanz des Beobachters. Das erfordert Zeit und immer steckt die Herausforderung dahinter, ob die Hand das so hinbekommt, wie man es möchte. Die eigene Person kommt ganz deutlich ins Spiel, das Können wird ständig auf die Probe gestellt: Fang ich eine Bewegung, eine Lichtstimmung, einen Gesichtsausdruck richtig ein? Gelingt es mir, die Anordnung ineinander verschachtelter Häuser so wiederzugeben, dass die Faszination meines Blicks fassbar wird? Aus der Beschäftigung wird Passion. Doch Vorsicht, ohne Arbeit geht es nicht. Arbeit an der Sache heißt, sich im Zeichnen immer wieder neu zu erfinden. Sich nicht auszuruhen auf dem, was man zu können meint.

 

aus dem Band: Licht

aus dem Band: Licht

 

PB: Beim Zeichnen sind Auge und Hand in einem ständigen Dialog. Mal wird geprüft und korrigiert, mal beobachtet, was da auf dem Papier mit den weichen oder harten Stiften mit leichtem oder festem Druck entsteht. Spontane Entdeckungen passieren laufend: glückliche Zufälle, wenn etwas gelingt, ohne dass wir es vorher ahnten. Gelingt es in der Wiederholung noch mal, stellt sich Sicherheit ein und das Üben macht Freude. Zeichnen lehren

aus dem Band Bewegung

aus dem Band Bewegung

TP: Was heißt Zeichnen lehren heute? Wo alles erlaubt ist, alles gut sein kann, der Anspruch von Individualität (oder manchmal auch nur die Behauptung davon) jede Regel aushebelt? Ist nicht schon das unhinterfragte Befolgen von Regeln ein Zeichen von Naivität, Schlichtheit, unvereinbar mit dem Gedanken von Kunst? Wir wollen uns nicht auf eine Richtig-oder-falsch-Ebene begeben, sondern unsere Entdeckungen sichtbar machen. Wenn uns die Leser unserer Bücher darin folgen mögen und so weit gehen, das selbst auszuprobieren, dann werden aus den Impulsen wieder neue Zeichnungen. Und sehr bald merken die zeichnenden Leser, dass es auch in der eigenen Sprache geht, mit eigenem Strich, eigenen Erfahrungen und mit eigener Wahrnehmung. Das Unterrichten von Zeichnen in der Schule, an einer Akademie oder einem Kurs kann ähnlich verlaufen. Der Lehrer sollte etwas können und das auch zeigen. Der Schüler kann über das Imitieren das Gemeinte verstehen. Er wird aufmerksam gemacht auf Dinge und Zusammenhänge, die er bislang so noch nicht wahrgenommen hat. Ob man davon auch profitiert, weiß man vielleicht erst später. Im besten Fall entsteht daraus eine Situation, in der der Schüler selbst etwas herausfinden, eine treffendere Antwort auf ein Problem geben oder eine eigene Sichtweise darstellen will.

PB: Die Frage, was Zeichnen lehren eigentlich heißt, ist wichtig und betrifft uns. Das umfasst alle Aspekte der Zeichnung: Nicht nur sie als Kunst ernst zu nehmen, sondern auch das Besondere der Zeichnung hervorzuheben und warum es grundlegend für alle kreativen und gestalterischen Prozesse sein kann, dass es Freude macht und konzentrierte Handarbeit ist. Die Zeichnung kann so viel sein: schnelle Ideenskizze, persönliche Erinnerung oder ausgearbeitetes Werk. Mit unseren Zeichnungen wollen wir etwas von dieser Bandbreite einfangen und dabei möglichst viele Materialien verwenden. Immer mit dem Ziel, dass sie anregen, zum Nachmachen und eigenen Entdecken animieren sollen. Anleiten und Beispiel-geben – und Wissen vermitteln, weil Zeichnen wie jede andere gestalterische, künstlerische Tätigkeit nicht nur eigene Erfahrung und Übung bedeutet, sondern auch auf Wahrnehmungsmustern und Konventionen beruht. Warum zusammen?

 

aus dem Band Raum

aus dem Band Raum

 

TP: Wir sind zwei Autoren, die im Team arbeiten. Unsere Bücher sähen anders aus, wenn sie nur einer von uns beiden machen würde. Wir sind Partner, aber wir sind auch Kritiker, und darin mitunter sehr streng. Einen kritischen Partner zu haben, ist das beste Rezept dagegen, seine persönlichen Lieblinge durchzufüttern. Gerade beim Zeichnen denkt man manchmal erleichtert, wenn man sich sehr an etwas abgemüht hat, wow, das ist mir aber richtig gut gelungen, und meint eigentlich nur: uff, geschafft! Diese Zeichnungen loszuwerden, ist gar nicht so einfach. Wenn sie aber vor dem Partner, dem das “Uff, geschafft!” ja herzlich egal ist, keine Gnade finden, ist das zwar schmerzhaft, aber im Ergebnis ein Gewinn; einen kaputten Zahn gezogen zu bekommen, ist auch kein Vergnügen, aber was raus muss, muss raus. Beim Sortieren unserer Zeichnungen für ein Buch denken wir, was raus kann, muss raus.

PB: Im Miteinander zeigt sich schnell, wie es um die Argumente für die jeweiligen Lieblinge bestellt ist. Da ist kein Spielraum für Banales, oder genauer: für Nicht-ins-Buch-Passendes. Die Schlechten kann man alleine aussortieren. Die guten und passenden zu finden und die Kriterien dafür zu benennen, ist oft gar nicht so leicht. Da kann es schon zu einem Gegeneinander der Vorstellungen kommen, aber immer mit Respekt, nie persönlich und immer sachlich. Und es gibt das Füreinander und im Großen und Ganzen die Einigkeit darüber, im Ergebnis die uns bestmöglichen Bücher zum Zeichnen lernen zu machen.

Am 15. August erschient im Magazin ein Interview mit beiden Haupt-Autoren
Tim Proetel und Peter Boerboom

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