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Haupt-Autorin: Marlis Maehrle

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Marlis Maehrle zeigt in ihrem Buch «Papier-Atelier» filigrane Kunstwerke, hübsche Geschenke und außergewöhnliche Wohnobjekte aus dem Alltagswerkstoff Papier.
Worin liegt der Zauber dieses Materials, von dem wir täglich umgeben sind? Die Papierkünstlerin sprach mit uns über ihre Liebe zum «unperfekten» Papier, das Licht in ihrem Atelier und ihre Zeit in einem Papierdorf in Japan.

Das Gespräch mit der Papierkünstlerin Marlis Maehrle führte Martina Räber

 

maehrle-papier1Frau Maehrle, was fasziniert Sie am Werkstoff Papier?
Die Vielfalt, die Haptik, und vor allem die grundlegend einfachen Möglichkeiten, etwas daraus erschaffen zu können. Seit ich im Kindergarten mein erstes Schächtelchen für den Adventskalender falten durfte, bin ich immer wieder aufs Neue von Papier verzaubert.
Schon mit zwei Händen und einem Kassenbon kann ganz nebenbei ein kleines Origamikunstwerk entstehen. Denn Papier ist ein für jeden zugänglicher Werkstoff, der überall erhältlich ist und sich mit wenigen Werkzeugen verarbeiten lässt. Die zudem keinen Lärm machen! Papier ist ein sanftes, sensibles Material, das man nicht hämmern oder mit Zangen biegen muss, es lässt sich meistens ganz gerne in Form streicheln.
Besonders faszinieren mich innerhalb der Vielfalt der Papiersorten die leicht durchscheinenden Arten. Transparenz in Verbindung mit kaum spürbarem Gewicht ist bei Papier in solch unglaublicher Zartheit möglich, das geht ans Herz.

 

 

In Ihrem Buch beschreiben Sie ganz unterschiedliche Arten von Papier. Mit welchem Papier arbeiten Sie am liebsten? Weshalb?
Ich habe ein Faible für möglichst naturbelassene, langfaserige, dünne Papiere aus Asien, wie zum Beispiel Lokta-Papiere aus Nepal, die aber noch ein bisschen Fehler oder Einschlüsse aufweisen und nicht in großen Mengen hergestellt werden. Superschöne, teure Bogen schüchtern mich ein, die sammle und bewundere ich, verarbeite sie aber eher selten, in ihrer Perfektion sind sie mir für manche Objekte auch zu steril.
Von mir selbst geschöpfte, dickere Papiere verwende ich gern für Prägungen, da ich dann meine selbst gebauten Schöpfrahmen für eigene (nicht DIN-)Formate verwenden kann und diese kleinen geschöpften Bögen bewusst nicht presse, um mehr Volumen für die Prägungen zu erhalten.

 

 

maehrle2Welches ist Ihr Lieblingsobjekt aus dem Buch?
Oh je, das ist eine schwierige Frage. Sollte eine Mutter nicht alle ihre Kinder gleich liebhaben? Meist ist es aber so, dass immer die neueste Idee mein Liebling ist, das wäre in diesem Fall die Magische Dreiecksdose, – aber natürlich finde ich das Tütenblüten-Zweigobjekt auch besonders beeindruckend, und die Kühlschrankmagneten können so schön persönliche Botschaften tragen, und … Achtung, gleich wird das Inhaltsverzeichnis mein Lieblingsobjekt!

 

 

Mit welchen Materialien arbeiten Sie sonst noch?
In den Kursprogrammen in den USA stehen meine Papierkurse immer unter «Fiber Arts», also bei Textil eingruppiert. Dort fühle ich mich auch sehr daheim, denn Textil und Holz sind die dem Papier am engsten verwandten Materialien (aus denen es auch hergestellt werden kann). Deshalb verwende ich alle drei sehr gerne in meinen Arbeiten, das fühlt sich stimmig an, und manche Techniken lassen sich auch gut übertragen. Es sind «warme», natürliche Materialien, zu denen ich mich hingezogen fühle; wenn ich meine Hand dagegen auf Glas oder Metall lege, habe ich dieses Gefühl nicht.
So sammle ich Schneckenhäuschen und Grashalme, ernte Bambusstäbe im Garten, trockne Blätter und Samen – und bekomme immer wieder anregende Reste diverser Fasermaterialien geschenkt, da sich meine Leidenschaft für Abfall und Weiterverwertung rumgesprochen hat. Befreundete Weberinnen sammeln ihre abgeschnittenen Leinenfäden für mich, eine Antiquarin bringt mir alte Buchseiten, eine Buchbinderin Zuschnittreste von Büttenpapieren, und oft beteiligen mich auch Kursteilnehmerinnen an ihren Schätzen. Das ist ein sehr bunter Kreislauf, der viel Spaß und Austausch mit sich bringt.

 

 

maehrle3Ihr Buch heißt «Papier-Atelier». Was mögen Sie an Ihrem eigenen Atelier am meisten?
Die Fenster! Der alte Holzboden ist zwar auch wichtig und lässt sich sogar für Frottagen verwenden, aber ich brauche viel Licht, und die großen alten Sprossenfenster sind zudem ein sehr stimmiger Hintergrund für alle möglichen Dinge, die ich mir zur Inspiration auf die Fensterbretter stelle. Das Licht ist mir auch sehr wichtig für meine Ideenhäufchen, die man womöglich «unaufgeräumt» nennen kann, aber ich muss Materialien und Formen um mich herum sehen, das löst immer Anregungen zur Verarbeitung aus, und je nach Lichteinfall kann man die Besonderheit mancher Papiere, und wohin sie einen führt, plötzlich erkennen.

 

 

Sie unterrichten seit Jahren in Deutschland und den USA. Was lernt man in Ihren Kursen?
Alles, was nach Papier riecht … Zum Beispiel Papierschöpfen, Papiermaché, angstfreies Buchbinden, Collage, Pop-ups, Papierobjekte, und spielerische Improvisationen. Das einzige, was ich persönlich nicht so spannend finde, und deshalb auch nicht unterrichte, ist Origami, denn ich wiederhole nicht gern und suche meistens lieber das Experiment als die Perfektion.
Und mein pädagogischer Impuls ist sehr simpel: Ich liebe das, was ich tue und bin ziemlich begeisterungsfähig darin, es weiterzugeben und mit anderen zu teilen. Die intensivsten Kurse sind immer dann, wenn ich gerade wieder etwas Neues entdeckt und entwickelt habe, da gehen die Teilnehmerinnen oft recht erschöpft (aber glücklich) nach Hause.

 

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Sie haben drei Monate in einem Papierdorf in Japan gelebt. Wie kam es dazu?
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
maehrle5Den Tipp bekam ich in den USA, nachdem ich dort immer wieder gefragt wurde, ob ich denn in Japan gewesen sei. Die innere Verbindung war wohl deutlich sichtbar in meinen detailverliebten Arbeiten, aus möglichst natürlichen Materialien und mit einfachen Techniken unter Vermeidung von Klebstoffen. Das «Mino Paper Art Village Project» vergibt jährlich vier Stipendien in einer weltweiten Ausschreibung, wobei einer der vier Plätze immer an jemanden aus Japan geht. Da Japans Papierkultur natürlich mein lebenslanges Traumziel war, habe ich mich (2009) sofort beworben – und wurde tatsächlich eingeladen. Meine Erfahrungen dort haben vielleicht auch mit dem Thema Atelier zu tun: ähnlich wie in den USA hatte ich in Japan das Gefühl «heimgekommen» zu sein, denn alle Menschen, die mit ihren Händen etwas erarbeiten, können sich auf Anhieb verständigen und miteinander austauschen. Als Touristin würde ich alles nur von außen sehen, aber sobald ich dort ein Atelier betrete, ist das eine ganz eigene Art von Verbundenheit. Und alles, was man vorher über das Land liest, mag zwar richtig sein, aber trotzdem gibt es noch so viel mehr, dass dann insgesamt eben alles doch ganz anders ist, als man es sich vorgestellt hat. Und das war vor allem in Japan ungeheuer lustig. Ich habe viel gelacht, und wie erwartet viel Papier heimgebracht, aber auch ganz unverhofft viele Menschen getroffen, die mir seitdem schreiben und zu Besuch kommen, was mich sehnsüchtig an eine nächste Reise nach Japan denken lässt.


 

Marlis MaehrleMarlis Maehrle liebt Papier, seit sie denken und mit den Händen arbeiten kann. Sie arbeitet als freie Buchgestalterin für Verlage und bewohnt in der Nähe von Stuttgart eine alte Buchdruckwerkstatt mit viel Platz für Papiertraumforschungen.
Seit 1995 gibt sie Kurse zu Papier & Buch in den USA und Deutschland und hatte die Ehre, drei Monate als Artist-in-Residence in einem Papierdorf in Japan zu leben. «Papier-Atelier» ist ihr erstes Buch im Haupt Verlag.

 

 

 

Buchcover