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HauptAutorin: Roberta Bergmann

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© Timo Hoheisel

Roberta Bergmann ist Illustratorin, Buchgestalterin, Lehrbeauftragte und freie Künstlerin. In ihrem Buch «Die Grundlagen des Gestaltens», welches soeben erschienen ist, verbindet sie theoretische Gestaltungsgrundlagen mit praktischen Übungen. Ein solches Buch hatte sie selber in ihrem Studium vermisst, wie sie uns im Gespräch erzählte. Zudem hat sie uns verraten, was für sie ein gut gestaltetes Buch ausmacht und wie sie ihre vielen verschiedenen Tätigkeiten unter einen Hut bringt.

Übrigens: Roberta Bergmann kommt Anfang November nach Bern und leitet einen Workshop im Atelier 14B.

 

Wie kamen Sie dazu, ein Lehrbuch über Gestaltungsgrundlagen zu schreiben?
Ich habe selbst Gestaltung studiert und arbeite inzwischen seit über acht Jahren aktiv in der Lehre, zum Beispiel war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin und anschließend Gastprofessorin für Gestaltungsgrundlagen an der HBK Braunschweig. Somit lag es für mich nahe, mein Wissen aus der Lehre in einem Buch zusammenzutragen und weiterzugeben. Dazu kommt, dass ich das Büchermachen liebe. Schon seit meinem Studium schreibe und gestalte ich eigene Bücher.
Das Buch ist aber auch entstanden, weil ich das Gefühl hatte, eine Lücke schließen zu müssen: So hätte ich mir ein Buch wie «Grundlagen des Gestaltens» zu Beginn meines Studiums gewünscht. Mir fehlte ein Buch, in dem man einen Gesamtüberblick über die Gestaltungsgrundlagen erhält, Theorie und Praxis gemischt sind, d.h. man grundlegende Regeln wie z. B. die Gestaltgesetze nachschlagen kann und gleichzeitig viele praktische Aufgaben der unterschiedlichen Gestaltungsbereiche findet, die man in Vorbereitung auf eine Mappe oder für das Selbststudium verwenden kann.
Abermals hatte ich dieses Gefühl der Lücke dann, als ich die Seite wechselte und Vermittlerin von Gestaltungswissen wurde: Als Lehrende fehlten mir manchmal praktische Aufgaben für den Unterricht. Vieles habe ich dann aus meinem Studium und aus verschiedenen Büchern zusammengetragen, viele der Aufgaben aus dem Buch habe ich mir selbst und in Zusammenarbeit mit Kollegen ausgedacht.

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Ihr Buch ist mit dem violetten Farbschnitt ein optischer Hingucker. Was macht für Sie ein gut gestaltetes Buch aus?
Ein gut gestaltetes Buch ist für mich die perfekte Symbiose von Inhalt und Form. Ein guter Buchgestalter erkennt und versteht den Inhalt und den Geist des zu gestaltenden Werks und gibt ihm die passende Hülle. Er findet eine adäquate visuelle Form für den Text, ohne dass sich die Visualisierung über den Inhalt erhebt oder ihn erdrückt, im Gegenteil: Ein Buch ist vor allem gut gestaltet, wenn man die Gestaltung fast gar nicht wahrnimmt, weil man so vertieft rezipiert. Denn man kann nur in ein Buch inhaltlich eintauchen, wenn die Gestaltung einen dabei unterstützt, das ist ihre primäre Aufgabe. Eine sekundäre Aufgabe von Buchgestaltung ist, den Inhalt visuell zu ergänzen und zu vervollständigen. Ich hasse Bücher, bei denen mir nach einigen Seiten die Augen wehtun und ich sie entnervt weglege, obwohl ich thematisch gern mehr erfahren würde. Das liegt dann zumeist an einem schlecht gesetzten Text oder einem unpassenden Buchlayout.

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Im Buch gibt es ein Kapitel zu Selbstmanagement und Kreativitätstechniken. Weshalb ist das für Gestalterinnen und Gestalter so wichtig?
Auch das kommt wieder aus meiner persönlichen Erfahrung: In meinem eigenen Studium wurde mir nichts zum Thema «Selbstmanagement» oder «Zeitmanagement» beigebracht.
Es war vielmehr learning by doing und «aus der Erfahrung lernen». Ein gutes Zeitmanagement ist extrem wichtig für den späteren Berufsalltag. Und aus meiner Lehrerfahrung weiß ich, dass kaum ein Studierender am Anfang gut im Zeit- und Selbstmanagement ist. Die meisten legen gerade in den ersten Semestern Nachtschichten ein, um eine Deadline zu schaffen und eine Aufgabe zu bewältigen. Einige behalten diese Art des Arbeitens dann einfach bei und führen diese im späteren Beruf so weiter, weil sie meinen, sie bräuchten den Druck, um überhaupt kreativ sein und etwas abliefern zu können. Meiner Meinung nach ist das aber meistens weder gesund noch notwendig.
Kreativitätstechniken gehören für mich zu Gestaltungsgrundlagen, da es Methoden sind, um seine eigene Kreativität oder die kreative Arbeit in einer Gruppe anzustoßen bzw. katalysierend auf diese einzuwirken. Sie können das Arbeiten unterstützen und im kreativen Prozess helfen, schneller voranzukommen.

Welche ist Ihre Lieblingsübung aus dem Buch? Und warum?
Das ist schwer, es sind immerhin 50 Aufgaben! Viele der Aufgaben mag ich sehr gern (und habe oder hätte sie als Studierende selbst gern gemacht), andere wiederum liegen mir weniger, weil ich mich darin selbst als weniger talentiert empfinde, da bin ich ganz ehrlich. Die meisten Menschen sind nicht auf allen Gebieten gleich talentiert, so meine Erfahrung.
Wenn ich jetzt eine Lieblingsübung nennen müsste, dann vielleicht die «Frottage» (Aufgabe #1 im Buch). Sie hatte für mich den größten Aha-Effekt während des Studiums, bzw. habe ich eigentlich erst viel später verstanden, was diese Aufgabe alles leistet. Mit der Frottage wird das kompositorische Sehen des Gestalters und seine Abstraktionsfähigkeit geschult. Vereinfacht gesprochen, ist es dadurch später möglich, Plakate oder andere Formate so zu layouten, dass sie ausgewogen wirken.

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Sie sind freie Künstlerin, Illustratorin und Buchgestalterin, Autorin von eigenen Büchern, Sie lehren und unterrichten: Wie verhalten sich diese Tätigkeiten zueinander? Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?
Das Tolle daran ist natürlich, dass diese verschiedenen Tätigkeiten so abwechslungsreich sind. Ich gehe eben nicht jeden Tag um 8 Uhr aus dem Haus, mache denselben Bürojob und verlasse um 17 Uhr das Büro und habe Feierabend.
Es gibt Tage, da hab ich Lust zu malen und gleichzeitig eine Schreibblockade, dann mach ich eben genau das. An anderen Tagen ist es dann viel leichter, einen Text am Rechner zu schreiben, anstatt etwas Kreatives und Handwerkliches zu machen. Ideal ist es, wenn ich mir das dann so aussuchen kann und keine anderen Geschäftstermine habe. Ich habe mit vielen verschiedenen Auftraggebern zu tun. Auch das ist spannend. Am meisten freue ich mich, wenn man mir gestalterisches Vertrauen entgegenbringt und meine Arbeit wertschätzt. Für die unterschiedlichen beruflichen Bereiche brauche ich ein gutes Selbstmanagement. Ohne Terminkalender ginge bei mir nichts. Außerdem muss ich Prioritäten setzen: Manche Jobs sind dringender und haben eine Abgabefrist und sind besser bezahlt als andere, die gehen dann vor. Es gibt auch Jobanfragen, die ich inzwischen ablehne. Auch nein sagen, gehört dazu. Dennoch möchte ich auf freie Projekte, wie eine neue malerische Bildserie, eine eigene Ausstellung oder ein freies Buchprojekt nicht verzichten. Diese selbstgewählten Projekte laufen quasi im Hintergrund parallel zum Tagesgeschäft, z. B. zu einem Buchgestaltungsauftrag oder einem Lehrauftrag, mit. Immer wenn etwas Zeit ist, ich z.B. keinen Job bearbeite, keinen Vortrag oder Workshop halte, setze ich mich dann an die freien Sachen. Stetig ein bisschen an den freien Sachen zu arbeiten, ist besser, als gar nicht daran zu arbeiten, so ist meine Devise. Diese freien Projekte sind erstmal nicht aufs Geldverdienen ausgelegt, umso schöner, wenn sich schließlich herausstellt, dass ich auch mit diesen Projekten mein Brot verdienen kann. Diese Art zu arbeiten und Geld zu verdienen, erfüllt mich und macht mich zufrieden.

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Mit welcher Technik gestalten Sie am liebsten?
Auch das ist schwer zu beantworten, weil ich so Vieles gern mache. Allgemein mag ich gern Acrylmalerei, Collagen, Fotografie und Zeichnen mit Feder und Tusche, aber auch das digitale Gestalten und Zeichnen am Computer liegt mir.
Am meisten Spaß habe ich, glaube ich, mit Techniken, die mich an meine Kindheit erinnern, wo man eher spielt als arbeitet: Stempeln oder Drucken wären da vielleicht die besten Beispiele! Manchmal entwerfe ich extra eigene Stempel aus Moosgummi für eine Illustration oder ich drucke eine illustrierte Geschichte komplett im Holzschnitt statt sie nur zu zeichnen.

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Welches bisherige Projekt hat Sie an Ihre Grenzen gebracht?
Ehrlich gesagt, noch keins. Am Anfang eines Projektes denkt man immer: Das schaffe ich doch nie! Man sieht den Berg an Zeit und Arbeit und kann sich nicht vorstellen, das fertigzubekommen. Oder man denkt, es gibt 100 andere Gestalter, die das besser, qualifizierter, schöner und schneller hinbekommen. Aber von solchen Gedanken darf man sich nicht verrückt machen lassen. Wenn ich einmal angefangen habe, dann beiße ich mich da durch, ich entwickle einen großen Ehrgeiz und dann komme ich da, dank Selbstmanagement und Zeitplan, auch ganz gut durch. Das Wichtige ist, dass man in Etappenzielen arbeitet, Stück für Stück und dann irgendwann hat man die Hälfte geschafft und wenig später ist man plötzlich fertig! So ging es mir auch bei diesem Buch.

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Was planen Sie als nächstes? Welches Projekt möchten Sie unbedingt noch verwirklichen?
Oh, ich plane immer ganz viel. Einiges ist schon recht konkret, anderes existiert nur als fixe Idee in meinem Kopf und ist nicht realistisch auf Durchführbarkeit geprüft. Zum Beispiel würde ich gern einen Roman schreiben, den groben Plot dafür trage ich schon ewig mit mir herum. Außerdem habe ich eine neue Idee für ein weiteres Sachbuch, diesmal zum Thema «Kreativität». Außerdem würde ich gern ein neues Bilderbuch schreiben und zeichnen.
Den Rest der Projekte lasse ich auf mich zukommen, denn: Nicht alles ist planbar und manchmal finden einen die Projekte und Aufgaben auch – und nicht umgekehrt.


Buchvernissage «Grundlagen des Gestaltens»
Dienstag, 18.10.2016, 19 Uhr, Tatendrang-Ladenatelier und Galerie, Breite Straße 18a, 38100 Braunschweig (Deutschland)

Workshop «Grundlagen des Gestaltens»
Samstag und Sonntag, 5. und 6.11.2016, jeweils 9.30 bis 17 Uhr, Atelier14B, Haupt, Bern (Schweiz)


Gestalten Sie selber gerne? Dann machen Sie mit bei unserem Postkarten-Wettbewerb im Rahmen des HauptPapiertages! Hier gibt es weitere Informationen dazu.

Buchcover

2 Kommentare zu “HauptAutorin: Roberta Bergmann

  1. Vielen Dank für das Kompliment, wir leiten das gerne an Roberta Bergmann weiter.

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