Sie sind hier: / Magazin / Gestalten

Haupt-Autorin: Monika Künti

IMG_2852

Monika Künti in ihrem Atelierladen in der Berner Matte

«Einhängen und Verschlingen sind textile Techniken und der Titel meines ersten Buches – der Titel passt aber auch hervorragend zu meinem Lebenslauf.»
Korb- und Flechtarbeiten gibt es seit Menschengedenken, aber das Handwerk hat in Mitteleuropa an Bedeutung verloren. Weshalb machte Monika Künti mit 43 Jahren trotzdem eine Ausbildung zur Korb- und Flechtwerkgestalterin?

In der schmucken Berner Altstadt, genauer im Mattequartier direkt an der Aare, betreibt
die Flechtkünstlerin Monika Künti seit 2003 einen Atelierladen. Weiden, Rattan, Flachs und
verschiedene Korbobjekte zieren die Gestelle sowie den Eingangsbereich. Wer einmal an der Schifflaube 50 entlang spaziert ist, erinnert sich mit Bestimmtheit daran.

Atelierladen in der Berner Matte

Atelierladen in der Berner Matte

«Ich bin ein Glückspilz», strahlt Monika Künti. «Mein beruflicher Werdegang ist gekennzeichnet von glücklichen Wendungen. So etwa, als ich eine Werkstatt suchte. Eine Kollegin hat an der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule BFF Bern eine misslungene Kopie vom Mietinserat für das Atelier an der Schifflaube zufällig aus dem Papierkorb gefischt und mir gegeben.»

Als Monika Künti in die Matte zog, war ihr bewusst, dass sie ihre Tätigkeit auf mehrere Standbeine verteilen wird, denn als traditionelle Flechterin alleine würde der Erwerb nicht ausreichen. Im Moment hat sie beispielsweise eine Reparatur in Auftrag. Die Sitzfläche eines Wienerstuhles muss neu geflochten werden. «Ein Wienergeflecht ist enorm aufwendig, für diese Sitzfläche benötige ich zwischen 12 und 20 Arbeitsstunden. Das Geflecht ist sechslagig. Es ist nicht immer einfach, der Kundschaft aufzuzeigen, wie arbeitsintensiv solche Reparaturen sind.»

IMG_2827Korb- und Flechtarbeiten gibt es seit Menschengedenken, aber das Handwerk hat in Mitteleuropa an Bedeutung verloren. Weshalb machte Monika Künti mit 43 Jahren trotzdem eine Ausbildung zur Korb- und Flechtwerkgestalterin? «Das Erforschen und Ausprobieren liegt mir. Als Mutter von drei kleinen Kindern besuchte ich an freien Samstagen das Museum der Kulturen in Basel. Ausgerüstet mit einem Klappstuhl und Notizpapier saß ich vor den Vitrinen und erforschte die Flechtobjekte aus verschiedenen Kulturen. Bald war klar, dass meine Liebe den sogenannten webstuhlunabhängigen Techniken gilt, das heißt allem, was man mit Faden, den eigenen Händen und ganz wenigen Hilfsmitteln anfertigen kann: erste Maschenstoffe und Geflechte, uralte Textiltechniken, über die es teilweise wenig Literatur gibt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als Informationen zu sammeln, zu forschen und auszuprobieren», erinnert sich
Monika Künti. Später kam ein Grundstudium in Ethnologie dazu, was aber sehr
theorielastig war. Außerdem merkte Monika Künti, dass sie an die Grenzen des Autodidaktischen stieß, besonders in Bezug auf Material und Technik. Dies und die Erkenntnis, dass sie unbedingt auch handwerklich arbeiten will, gaben den Anstoß eine Ausbildung zur Korbflechterin zu machen. «Manchmal litt ich. Als Korbflechterin muss man äußerst exakt arbeiten, das oft auf den Millimeter genau. Dies geht mir manchmal gegen den Strich. Ich möchte das Material nicht nur beherrschen, sondern seiner Natur entsprechend behandeln. Wenn ich zum Beispiel Rattan nehme, lässt sich dieses wunderbar biegen und verschlingen. So entstehen bei mir im Atelier viele Körbe in einer von mir selbst entwickelten Verschlingtechnik.»

einhängen3Obwohl es auch in unseren Breitengraden Alltagsgegenstände wie Teppichklopfer und Maschendraht in Verschlingtechniken gibt, ist das Maschenbilden mit vorangeführtem Fadenende, wie die Technik auch benannt wird, wenig bekannt. Weshalb? In Mitteleuropa wurden die Einhänge- und Verschlingtechniken durch das schnellere Stricken und Häkeln verdrängt. In Nordeuropa und Russland wie auch in Südamerika, Asien, Afrika und Ozeanien ist das Handwerk dagegen noch immer sehr lebendig. Wie beim Stricken und Häkeln lassen sich unterschiedlichste Materialien verarbeiten. So etwa Wolle, Schnur, Garn, Stoffe, Papier, Naturmaterialien, Draht, und vieles mehr. «Faszinierend an dieser uralten Technik finde ich, dass es nur ein Fadenmaterial und eine Nadel braucht und sich daraus wirklich unzählige Möglichkeiten ergeben.»

Die Bezeichnung Maschenbildung mit vorangeführtem Fadenende beschreibt den wesentlichen Unterschied zum Stricken und Häkeln: Das Fadenende und damit die gesamte Fadenlänge wird durch jede neue Maschen gezogen. «Zu forschen und sich so beispielsweise auf Erkundungsreise polynesischer Flechttechniken zu machen, ist ein wesentlicher Teil meines Interesses. Für alte Techniken neue oder ungewöhnliche Materialien einzusetzen, ist ein weiteres Feld meines Schaffens.»

einhängen2Wissen und Ideen weitergeben sind für Monika Künti von großer Bedeutung. «Produktorientiertes Unterrichten mag ich nicht. Ziel meines Unterrichts soll nicht sein, einen Gegenstand möglichst genau nachzubilden, sondern mit unterschiedlichem Material die Grundtechniken in ihrem Prinzip zu verstehen und zu erlernen, um dann selber eigene Wege damit zu beschreiten.» So hat sich Monika Künti über die Jahre die Standbeine Forschen, Unterrichten und Vermitteln, Reparieren, Auftragsarbeiten sowie ihr eigenes Kunstschaffen aufgebaut. Hinzu kam nun die Anfrage des Haupt Verlags ein Buch über die Einhänge- und Verschlingtechniken zu veröffentlichen.

«Meine erste Reaktion? Toll, endlich kann ich all mein Wissen zwischen zwei Buchdeckeln zusammenfassen.» Dabei musste Monika Künti nicht ganz bei null anfangen. Aus der eigenen Forschung und früheren Kursen, die sie gab, hatte sie schon einiges Material. Auch gab es bereits Anfänge für eine Systematik, die gründlich überdacht und vor allem erweitert werden mussten. Das System mit den Piktogrammen für eine leichtere Übersicht hat Monika Künti extra für das Buchprojekt erstellt. Ihr Hauptanliegen ist, diese bei uns in Vergessenheit geratene Textiltechnik ins Licht zu rücken und im Anleitungsteil des Buches, die Lust bei den Lesern zu wecken, eine Nadel und Schnur zu nehmen und loszulegen. Bücher sind seit jeher eine wichtige Lern- und Inspirationsquelle für Monika Künti und ein eigenes Buch herauszugeben ein großes Highlight in ihrer Biografie.


 

IMG_2872-2Nach einer Lehre als Korb-und Flechtwerkgestalterin arbeitet Monika Künti seit 2003 freischaffend in einer kleinen Ladenwerkstatt in der Altstadt von Bern. Neugierig suchte sie nach neuen Horizonten in den jahrtausendealten, webstuhlunabhängigen stoffbildenden Techniken. Dabei gibt es zwei Schwerpunkte, die Einhänge- und Verschlingtechniken und das Flechten. Zunächst orientierte sie sich an traditionellen Arbeitsweisen, um dann experimentierend eigene Ideen zu verfolgen: Was ist alles möglich, auch mit ungewöhnlichen Materialien und eigenwillig interpretierten Technikvariationen? Suchen, Finden, Erforschen, Anwenden, Bewahren, Weitergeben sind die spannenden Stichworte ihrer Werkstatttage.

Buchcover