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Haupt-Autorin Anka Brüggemann: Meine Lieblingsobjekte sind Himmelis

brüggemannWas tun mit ausrangierten Büchern? Unsere Autorin Anka Brüggemann ist nicht verlegen und hat tausend Einfälle, was man alles aus einem alten Buch machen kann. 55 Projekte stellt sie in ihrem Erstlingswerk «Papier – Objekte aus alten Büchern» vor. Was sie an der Papierkunst  fasziniert und was hinter den Projekten «Die Buch Bar» und «Bookogami» steckt, hat uns Anka Brüggemann im Interview erzählt.

 

Das Interview mit Anka Brüggemann führte Andrea Baumann

 

Anka Brüggemann, was fasziniert Sie, aus alten Büchern Kunstobjekte zu fertigen?
Buchkatze

Eigentlich sind Bücher ja schon Kunstwerke an sich. Ich stelle mir gerne vor, wer daran alles mitgewirkt hat. Die Autoren lieferten die Texte, Illustratoren und Fotografen die Bilder. Typografen setzten früher Buchstabe für Buchstabe und Buchbinder gaben den Büchern den letzten Schliff. Ich gebe dem Kunstwerk Buch nur eine andere, neue Form.

 

Verwandeln Sie jedes Buch in ein Kunstwerk oder gibt es Ausnahmen?
Es gibt Bücher die ihre Zeit hatten, wie veraltete Fach- und Sachbücher. Und es gibt viele Bücher, gerade sehr alte, die ich besonders liebe, die schon so zerstört sind, dass eine Reparatur nicht mehr möglich ist oder nicht lohnt. Solche zerlege ich ohne Hemmungen in ihre Einzelteile.
Ein bisschen anders ist es, wenn Wörter oder Motive in den Buchschnitt gefaltet werden. Dafür muss das Buch zwingend noch intakt sein. Und für diese Objekte wähle ich Bücher mit anspruchsvolleren Inhalten. Dafür kann man solche Bücher wieder entfalten und lesen – auch wenn das wohl niemand tut.

 

buchgefaltet

 

Ich stelle mir vor, dass man bei dieser Kunstfertigkeit besonders exakt und sorgfältig arbeiten muss. Oder irre ich mich?
Das kommt darauf an: Für ein einzelnes Objekt, bei denen der Betrachter jedes Detail ausführlich anschauen wird, gilt das natürlich. Bei gefalteten Buchschnitten fallen Ungenauigkeiten beispielsweise sofort ins Auge. Oder wenn die Halme für die Himmeli-Diamanten nicht die exakte Längen haben, wird die ganze Konstruktion schnell instabil.
Anders ist es bei Objekten mit vielen sich wiederholenden Elementen, wie Oktaeder-Gitter aus mehreren hundert Halmen, oder wenn man viele gleiche Objekte zusammen aufstellt. Da können kleine Ungenauigkeiten sogar für Charme sorgen.

 

papierstaebchen

 

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Papierfalten pro Woche und wie viele Bücher haben Sie bisher verarbeitet?
Habe ich eine neue Idee, stürze ich mich förmlich hinein und lasse alles, was sich irgendwie aufschieben lässt, liegen. Dann gibt es aber auch Wochen, in denen ich gar keine Papierarbeiten mache. Schließlich muss Liegengebliebenes irgendwann auch aufgearbeitet werden.
Die verarbeiteten Bücher habe ich nie gezählt, aber mehrere hundert sind es bestimmt schon.

Was gab den Anstoß ein Buchprojekt zu realsieren?
Ich wurde immer wieder nach Anleitungen zu unseren Objekten im Laden gefragt.
Deshalb veröffentlichte ich zunächst kleine, einfache Anleitungen und organisierte Workshops. Als selbst die Workshopteilnehmende ein Buch gehabt hätten, schaute ich mich nach einem Verlag um.

Welches ist Ihr Lieblingsprojekt im Buch?
Meine Lieblinge sind die Buchseiten-Himmelis. Besonders die großen Objekte. Ihre Herstellung ist zwar etwas zeitintensiv, aber wenn sie dann von der Decke schweben und ständig in Bewegung sind, hat sich der Aufwand gelohnt.

 

papierlampen

 

Sie führen den Laden «Die Buch Bar – Accessoires für anonyme Bookoholiker» in der Altstadt von Quedlinburg. Was findet man dort alles?
Da wir von draußen meist für einen Buchladen gehalten werden, steht vor der Tür auf einer Tafel: Wir haben alles für die Lust am Lesen. Wirklich alles. Außer Bücher.
Das macht neugierig. Und tatsächlich haben wir kaum Bücher im Angebot. Aber wer ausgefallene Lesehelfer und nützliches Buchzubehör liebt oder verschenken möchte, wird bei uns immer fündig.

Und wer sind die anonymen Bookoholiker?
Die anonymen Bookoholiker ist eine Wortspielerei, die ich mir als Marke schützen ließ.

Bookogami ist ein weiteres Projekt von Ihnen, können Sie uns etwas darüber erzählen?
Bookogami ist auch so eine Wortspielerei, die inzwischen als Marke eingetragen ist. Als ich entschied, eine Webseite einzurichten, um Workshops anzubieten, musste ein Name her. Bookogami ist einprägsam und passt so wunderbar zu den Bookoholikern.
Für mich umfasst Bookogami alle Formen von Papierarbeiten aus Büchern.

 

PapiertassenWie erklären Sie sich die momentane Faszination an Papierkunst, insbesondere an Objekten aus alten Büchern?
Ich glaube, es gibt mehrere Ursachen: Einmal natürlich die schon seit Jahren anhaltende Vintage-Begeisterung. Dazu passen Bücher – besonders alte und leicht beschädigte – perfekt.
Dann gibt es schlichtweg einfach zu viele Bücher und jedes Jahr kommen neue dazu. Da entsteht schnell ein Platzproblem. Man fängt an, sich von den Büchern zu trennen, die man nicht noch einmal lesen wird. Da andere es genauso machen, gibt es für solche Bücher keine Nachfrage mehr.
Trotzdem sind wir alle konditioniert, Bücher nicht wegzuwerfen. Und da ist dann jeder froh, wenn aus diesen Büchern etwas Neues entsteht. Das liegt dann wieder voll im derzeitigen Recycling- bzw. Upcycling-Trend.

Schließlich: Vielleicht haben Sie noch einen Tipp für Einsteiger/Innen in die Papierkunst?
Ich empfehle bei jeder neuen Technik mit kleinen Objekten zu beginnen. Garantiert klappt nicht jedes Detail gleich perfekt, aber schon nach kurzer Zeit bekommt man ein Gefühl für die Technik und dann kann man sich an alles wagen, was die Fantasie hergibt.

 


 

Anka Brüggemann führt den Laden Die Buch Bar – Accessoires für anonyme Bookoholiker in der Altstadt von Quedlinburg, ist Gründerin der Marke „Bookogami“ für Papierarbeiten aus alten Buchseiten und leitet Workshops zu diesem Thema. Sie rettet alte Bücher vor dem Reißwolf und verwaltet ein Lager mit über 10 000 gedruckten Werken. Regelmäßig organisiert sie mit diesen Büchern Flohmärkte für gemeinnützige Zwecke.

Die Buch Bar
Bookogami

 

 

Buchcover